Politik : Vertriebene erhalten Räume vom Bund Umstrittenes Zentrum plant Ausstellung

Sebastian Bickerich

Berlin - Trotz andauernden Streits um Konzeption und Trägerschaft will die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach (CDU), im Sommer eine Ausstellung im Rahmen des „Zentrums gegen Vertreibungen“ eröffnen. Unter dem Namen „Das Jahrhundert der Vertreibungen“ startet die dreimonatige Schau am 10. August im Berliner Kronprinzenpalais. Das bestätigte der Kurator, der Historiker Wilfried Rogasch. Ursprünglich sollte die Ausstellung in der St. Michaelkirche gezeigt werden, nach einem Streit um die Nutzung der Kirchenräume mit dem Erzbistum Berlin war dies verworfen worden. Das Kronprinzenpalais gehört dem Bund und wird für zeithistorische Ausstellungen genutzt.

„Das Jahrhundert der Vertreibungen“ stellt die Vertreibungen Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg in den Zusammenhang „unterschiedlicher Erscheinungsformen von Flucht und Vertreibungen“ im 20. Jahrhundert, heißt es in der Konzeption der Ausstellung, die Steinbach an diesem Dienstag vorstellen will. Dazu werden vom Genozid an den Armeniern 1915 in der Türkei bis zu „ethnischen Säuberungen“ in Ex-Jugoslawien in den neunziger Jahren neun Vertreibungszusammenhänge dargestellt. Die Vertreibungen Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg würden in einen „zeithistorischen Kontext gestellt“, der deutlich mache, dass die Geschichte der Vertreibungen von Deutschen nicht 1945, sondern 1939/40 beginne, heißt es weiter.

Kritik, das Projekt sei einseitig, wies Kurator Rogasch zurück. „Die Vertreibungen der Deutschen hätten nie stattgefunden, wenn Deutschland nicht den Zweiten Weltkrieg begonnen hätte“. Das käme in der geplanten Ausstellung klar zum Ausdruck, ebenso wie Vertreibungen von Polen durch Deutsche, die „ganz klar die Intention des Genozids“ gehabt hätten, sagte Rogasch. Die SPD erneuerte ihre Kritik am „Zentrum gegen Vertreibungen“. Fraktionsvize Angelica Schwall-Düren sagte dem Tagesspiegel, zwar sei die Konzeption der Ausstellung „interessant“, die Bundesregierung werde sich an der „Privatinitiative“ der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ jedoch nicht beteiligen. Ohne Einvernehmen mit Polen könne es keine Form der Erinnerung an Flucht und Vertreibung geben.

Laut Koalitionsvereinbarung wollen Union und SPD in Berlin ein „sichtbares Zeichen“ zum Gedenken an Flucht und Vertreibung setzen, allerdings nur in Zusammenarbeit mit dem „Europäischen Netzwerk für Erinnerung und Solidarität“, an dem neben Polen auch die Slowakei und Ungarn mitwirken. Polen lehnt ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin rundweg ab. Zuletzt hatten mehrere nationalistische Abgeordnete in Polen als Gegenmodell ein „Zentrum des polnischen Martyriums“ in Berlin ins Gespräch gebracht.

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