Politik : Verwunderte Frage

Antje Sirleschtov

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Als der Bundestag und die Regierung noch in Bonn residierten – erzählen heute die, die das miterlebt haben –, da sei man sich oft wie in einer Raumsonde vorgekommen. Drinnen tobte eine ganz besondere Form des Lebens. Eine, an der eigentlich nur die teilnahmen, die auch mitflogen in der Sonde. Wer draußen war, und das war ja die Mehrheit, nahm nicht teil. Oder zumindest nur insoweit, als dass man staunend beobachtete, was sich im Orbit so zuträgt und sich dann und wann zu erkundigen hatte, ob dort neue Spielregeln für das wirkliche Leben erlassen wurden.

Der Umzug nach Berlin sollte alles ändern. Sagte, nein hoffte man zumindest. Weil die Stadt viel größer ist als Bonn und im Osten liegt und sich das Sondenpersonal ja nun quasi im Brennpunkt der Gesellschaft aufhält. Landung der Regierungsmannschaft in der Mitte der Realität? Verständigung, Nähe als Mittel der Demokratiestärkung nach den Regeln erfolgreicher Mondlandungen: Wir hier unten bestimmen mit, welches Fähnchen ihr da oben hisst?

Sehen wir uns das mal von der Seite an: Neulich, um genauer zu sein, am Abend der Machtübernahme von Franz Müntefering in der SPD-Zentrale, wurde ganz zufällig im thüringischen Arnstadt Lenka zur Zeugin einer sozialdemokratischen Begegnung von Basisstation und Raumsonde. Sehr spannend, urteilte später das tschechische Mädchen, das sich im Schüler-Austauschjahr mit den deutschen Sitten vertraut machen will. Nur eins, das habe sie überhaupt nicht verstanden: Wieso klatscht das Publikum andauernd so begeistert, wenn sie von dem Mann da oben erhoffen, dass nun alles besser wird, und der ihnen sagt, er will alles genauso machen wie sein Vorgänger?

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