Politik : Veteranen der DDR-Umweltbewegung erinnern sich an die tollkühnen Tage der Wende

Thomas Loy

Bundesumweltminister Jürgen Trittin soll eigentlich nur ein Grußwort halten, doch zur Überraschung aller bleibt er drei Stunden lang an seinem Platz, lauscht entzückt und wird auf seine Gastgeber wohl ein wenig neidisch geworden sein. Wie die DDR-Umweltbewegung in knapp einem Dreivierteljahr, der wilden Wendezeit, das halbe Land unter Naturschutz stellte und die gesamte Atomindustrie abschaltete, davon darf ein West-Öko, und sitzt er auch an den Schalthebeln der Macht, immer nur süß träumen. Von den großen Siegen der letzten Wochen in der kollabierenden DDR zehrt die Umweltbewegung in Ostdeutschland noch heute, danach kamen viele kleine Niederlagen.

Im Rathaus Pankow trafen sich am Dienstag die Gründer der Grünen Liga, dem Netzwerk ostdeutscher Umweltgruppen, um ihr zehnjähriges Bestehen zu feiern und sich eine Retrospektive zu gönnen. Michael Succow, Vater der ostdeutschen Nationalparks und Träger des Alternativen Nobelpreises, amüsiert seine Zuhörer mit Anekdoten aus dem Wendejahr. Wie Naturschützer sich Ende November 1989 in einer Fernsehdiskussion plötzlich offen über die ökologischen Sünden der DDR-Wirtschaft unterhalten konnten; wie Succow und weitere Aktive mit einem alten Lada zum bundesdeutschen Umweltminister Töpfer reisten, nach mehreren Reifenpannen auch Bonn erreichten, wo das Auto endgültig aufgab; wie DDR-Umweltminister Reichelt Succow zu seinem Vize machte und ihm quasi alle Entscheidungen überließ; wie die Modrow-Regierung eine handgezeichnete Karte mit neuen Schutzgebieten abnickte und wie schließlich alles in den Einigungsvertrag aufgenommen wurde. "Wenn die DDR noch länger existiert hätte, wäre noch mehr unter Schutz gestellt worden", feixt Biologe Succow und zeigt Karten, die beweisen, dass die neuen Länder in der Ansiedlung von Störchen und Feldlerchen den alten um Jahrzehnte voraus sind.

Trittin bedankt sich für den "Schutz des Naturerbes". Nachdenklich spricht er über die "erschreckende Polarisierung", die Diskussionen um Naturschutz heute auszeichneten. Fast vergessen sei, dass ein Erz-Konservativer wie Franz Josef Strauß einst den ersten deutschen Nationalpark gründete und Uwe Barschel in Schleswig-Holstein das Wattenmeer unter Schutz stellte. Nach einer halben Stunde erhält Trittin anerkennenden Beifall. Erst spät kommen unangenehme Fragen wie Atomausstieg (-West) und Jugoslawien-Krieg auf den Tisch. Wie aus einer fernen Zeit wirken Forderungen wie "Kennzeichnung ökologischer Katastrophengebiete" oder "Ungeschminkte Darstellung der Umweltsituation" aus dem Grüne Liga-Gründungsaufruf vom 18. November 1989.

Heidrun Lüer, die damals Greenpeace-DDR aus der Taufe hob, erinnert sich an Aktionen gegen Dreckschleudern an der Elbe, von Belegschaft und Bevölkerung freudig begleitet. Behörden und Betriebsleitungen waren paralysiert, da musste man nach einem konkreten Feind richtig suchen. "Wir waren beseelt von einem revolutionären Geist", sagt Lüer. Angekommen im vereinten Deutschland, folgte die Ernüchterung. Wie eng der Spielraum für die Umweltbewegten sein würde, ließ sich damals kaum ahnen, erklärt Grüne Liga-Vorsitzender Klaus Schlüter. Seine Rede endet in ostdeutscher Bescheidenheit: "Wir sind stolz darauf, dass es uns nach zehn Jahren noch gibt."

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