• Viadrina-Preis für Adam Michnik: "Grass, Mann und Bonhoeffer haben mich Mut gelehrt" - Auszüge aus seiner Rede an der Europa-Universität Frankfurt (Oder)

Politik : Viadrina-Preis für Adam Michnik: "Grass, Mann und Bonhoeffer haben mich Mut gelehrt" - Auszüge aus seiner Rede an der Europa-Universität Frankfurt (Oder)

"Ich gehöre zur Generation des Jahres 1968. Zu der Generation, aus der Rudi Dutschke, Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit stammen. Allerdings auch Jörg Haider. Diese Generation ist verschiedene Wege gegangen. Ihr gemeinsamer Zug war der Radikalismus, der die stabile Ordnung des bestehenden Systems ablehnte. In Polen war das das System der kommunistischen Diktatur; in Deutschland war es das System der parlamentarischen Demokratie. Meine deutschen Altersgenossen lehnten mit Leidenschaft die Institutionen ab, um die wir in Polen kämpften...

Ich habe die Empfindung, dass dieser Radikalismus nicht selten die Befürwortung von Gewalt in der Politik hervorbrachte. Der Terrorismus der extremen Linken ist auch das Produkt unserer Generation. Die extrem konservative Reaktion mit der ihr eigenen antiliberalen Besessenheit war nicht selten ebenfalls das Erbe der studentischen Revolte des Jahres 1968. Ich habe also ein skeptisches Verhältnis zu der Tradition dieses Jahres. Ich erinnere mich gut an den Hinweis von Günter Grass, dass im deutschen Radikalismus linke und rechte Parolen austauschbar werden... Aber dennoch ist auch mir aus jener Erfahrung, aus der Erfahrung des Aufstands, der sich in der Sprache marxistischer Kategorien und der sozialistischen Utopie ausdrückte, etwas sehr Wesentliches geblieben: ein Misstrauen gegenüber amtlichen Stereotypen, ein Widerstreben gegen kollektive Konformismen...

Ich habe über all dies viele Male nachgedacht, besonders aber vor 15 Jahren, als ich eine mehrjährige Haftstrafe in Barczewo verbüßte. In demselben Gefängnis in einem kleinen Städtchen in Masuren verbüßte der ehemalige Reichsstatthalter für den besetzten Osten seine lebenslängliche Freiheitsstrafe. In nächster Nachbarschaft mit dem Naziverbrecher las ich die Briefe von Thomas Mann, die das Wesen des Nazismus zu ergründen suchten... In diesem tristen Gefängnis in Barczewo gegenüber der Zelle des Hitlerschen Henkers las ich ein Buch des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer und fragte mich: kann ich nach Jahren der Diskriminierung, des wütenden Kampfes, des Untergrunds und Gefängnisses in mir den Rest von Einfachheit und Ehrlichkeit bewahren, der es erlaubt, in einer freien Welt freier Menschen zu leben und diesen Menschen zu irgendetwas nutze zu sein?

Elf Jahre meiner Arbeit in der "Gazeta Wyborcza" haben mich mit dem Ressentiment und dem Wunsch nach Revanche geplagt, die unsere Seele wie Würmer von innen auffressen. Wenn ich aber heute von Ihnen diesen wunderbaren Preis entgegennehme, dann habe ich das Recht zu der Meinung, dass die Lektüre von Günter Grass, Thomas Mann und Dietrich Bonhoeffer an mir nicht spurlos vorübergegangen ist. Denn eben sie haben mir erlaubt, jene schwierige Zeit durchzustehen, sie haben mich Mut und Widerstandsgeist gelehrt, Mut und Kompromißbereitschaft, den Geist der Ergebenheit gegenüber Werten und der Aufmüpfigkeit gegenüber Situationen, den Geist des Widerspruchs gegen den Konformismus und den Geist der Toleranz gegenüber Andersdenkenden... der deutschen Kultur."

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