Video aus Flüchtlingscamp auf Lampedusa : "Wir werden wie Hunde behandelt"

Ein heimlich gedrehtes Video aus dem Flüchtlingscamp auf Lampedusa zeigt Flüchtlinge, die unter freiem Himmel nackt abgeduscht werden - die Bürgermeisterin spricht von Zuständen wie in einem Konzentrationslager. Nun droht die EU-Kommission Italien mit rechtlichen Schritten.

Das Video wurde offenbar von Flüchtlingen auf Lampedusa aufgenommen.
Das Video wurde offenbar von Flüchtlingen auf Lampedusa aufgenommen.Foto: dpa

Ein TV-Bericht über den Umgang mit Flüchtlingen auf der italienischen Mittelmeerinsel hat empörte Reaktionen in Europa hervorgerufen. Auf den Aufnahmen ist unter anderem zu sehen, wie sich Flüchtlinge unter freiem Himmel nackt ausziehen, um mit einem Desinfektionsmittel abgebraust zu werden. Die Bürgermeisterin von Lampedusa sprach von Zuständen wie in einem „Konzentrationslager“, die EU-Kommission drohte juristische Schritte an.

Das am Montagabend vom italienischen Fernsehsender Rai2 ausgestrahlte Video wurde heimlich von einem Flüchtling per Handykamera aufgenommen. „Wir werden wie Hunde behandelt“, kommentierte der Mann namens Khalid, der seit 65 Tage in dem Lager lebt, die Aufnahmen. Sie zeigen auch, wie Krankenschwestern die in einer Schlange aufgereihten Männer untersuchen. Frauen würden auf die gleiche Art behandelt, versicherte Khalid.

Regierungschef Letta verspricht Ermittlungen

Zahlreiche Politiker und Menschenrechtler reagierten entsetzt auf den TV-Bericht. Italiens Regierungschef Enrico Letta versprach „gründliche“ Ermittlungen zu dem Fall, um „die Verantwortlichen zu bestrafen“. Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, sagte, die Bilder erinnerten sie an ein „Konzentrationslager“. Integrationsministerin Cécile Kyenge nannte die Behandlung der Flüchtlinge „unmenschlich“.

EU-Kommission droht mit rechtlichen Schritten

Die EU-Kommission hat Italien wegen vermuteter Missstände in Flüchtlingslagern mit rechtlichen Schritten gedroht. Es werde geprüft, ob die Behandlung von Migranten in Italien den EU-Regelungen entspreche, sagte die EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström, am Mittwoch.

“Die Bilder, die wir aus dem Lager gesehen haben, waren entsetzlich und nicht hinnehmbar“, sagte Malmström. “Wir zögern nicht, ein Verstoßverfahren einzuleiten, um sicherzustellen, dass EU-Standards in vollem Umfang respektiert werden.“ Die EU-Staats- und Regierungschef werden die Flüchtlingsproblematik auch auf ihrem Gipfel am Donnerstag und Freitag erörtern.

Leiter des Camps verteidigt seine Einrichtung

Der Leiter der Einrichtung, Cono Galipo, verteidigte sich gegen die Vorwürfe. An dem betreffenden Tag seien drei Flüchtlingsboote mit 104 Insassen eingetroffen und es habe deutliche Hinweise auf Fälle von Krätze an Bord gegeben, sagte er in einem Radiointerview.

Normalerweise erfolgten die Untersuchungen auf der Krankenstation, für eine solch große Anzahl an Menschen fehlten aber die entsprechenden Räumlichkeiten. Zudem seien die Bilder „inszeniert“ worden. Einige der Wartenden seien ungeduldig geworden und hätten sich ausgezogen.

Flüchtlingsdrama vor Lampedusa
Italiens Premierminister Enrico Letta (rechts), EU-Präsident Manuel Barroso, EU-Kommissarin Cecilia Malmström (links) und Lampedusas Bürgermeisterin Giusy Nicolini (mit Schärpe) stehen am Mittwoch (10. Oktober) vor den Särgen von mehr als 290 Toten nach dem Schiffsunglück vor der Küste Lampedusas. Er werde diesen Anblick nie vergessen, sagte Barroso nachdem er der Toten gedacht hatte. Das Schiff mit Flüchtlingen aus Afrika war vor einer Woche im Mittelmeer gesunken.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: AFP
09.10.2013 17:11Italiens Premierminister Enrico Letta (rechts), EU-Präsident Manuel Barroso, EU-Kommissarin Cecilia Malmström (links) und...

Für afrikanische Flüchtlinge, die jedes Jahr zu Tausenden versuchen, über das Mittelmeer in die Europäische Union zu gelangen, ist Lampedusa eines der wichtigsten Ziele. Ihre oft kaum seetauglichen Boote geraten dabei regelmäßig in Seenot, alljährlich sterben hunderte Menschen auf dem Weg über das Meer. Seit der Flüchtlingstragödie Anfang Oktober vor Lampedusa mit mehr als 360 Toten steht die Einwanderungspolitik der Europäischen Union verstärkt in der Kritik, da sie vor allem auf Abschottung setzt.

Die Flüchtlingspolitik steht am Donnerstag und Freitag auf der Tagesordnung des EU-Gipfels in Brüssel. Eine Expertengruppe der EU hatte Anfang des Monats unter anderem eine verstärkte Präsenz der EU-Grenzschutzagentur Frontex, aber auch mehr Hilfe für die betroffenen Mitgliedsländer vorgeschlagen. (AFP/Reuters)


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