Video : Margot Honecker: „Es gibt einen Feldzug gegen die DDR“

Margot Honecker lobt auf einem Video die alten Zeiten. 50 Prozent der Ostdeutschen lebten heute im Kapitalismus schlechter, sagt sie. Das Video zeigt sie in Chile bei einer Feier zum "60. Jahrestag der DDR" am 7. Oktober 2009.

Jens Mühling

Totgesagte leben länger, das gilt auch für die DDR. Vor ein paar Wochen beging sie ihren 60. Geburtstag, die Feiern fielen bescheiden aus, in Deutschland jedenfalls. In Santiago de Chile aber fand sich ein versprengtes Grüppchen zusammen, um dem Jubilar ein paar Arbeiterliedchen zu singen: Rückgekehrte Flüchtlinge waren es, die nach dem Militärputsch von 1973 in der DDR Asyl erhalten hatten und nun mit spanischem Akzent „Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die Hand reichen“ wollten, über Zeiten und Meere hinweg gewissermaßen.

Unter ihnen: Margot Honecker. Per Youtube gelangte die mitgefilmte Party an die Öffentlichkeit – und beschert nun dem deutschen Zuschauer Einblicke in die gespenstisch bruchlose Psyche einer Frau, die seit fast 20 Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten ist. „Es gibt in Deutschland einen großen Feldzug gegen die DDR“, erklärte Honecker, die es sich nicht nehmen ließ, dem Geburtagskind vor Hammer-und-Sichel-Flagge ein paar Grußworte zu widmen. „Es gibt keine Talkshow, keinen Film, keine Nachrichten, wo man die DDR nicht in Misskredit bringt.“

Der Misskredit aber kann „Miss Bildung“, wie sich die Ministerin für Volksbildung einst von Missgünstlingen beschimpfen lassen musste, nicht die Feierlaune vermiesen. Die Diskreditierung ihres Lebenswerks sei dem Feinde „nicht gelungen“, fährt sie fort. „50 Prozent der Ostdeutschen sagen: Wir leben schlechter im Kapitalismus, wir haben eine schöne Zeit gelebt in unserer DDR.“

Zeit für persönliche Erinnerungen bleibt auch: Vor 60 Jahren, erzählt Honecker, die im Video erstaunlich frisch wirkt und statt lila Tönung heute mattes Blond trägt, sei sie selbst 22 gewesen und die jüngste Abgeordnete der neuen Volkskammer. „Und alles das, was wir geschafft und geschaffen haben in 40 Jahren, das ist nicht wegzuleugnen.“ Kein Wort der Selbstkritik? Doch: „Gut, wir haben es nicht geschafft“, räumt die Gratulantin ein. Die letzte Schlacht aber scheint für sie noch nicht geschlagen: Honecker verweist auf den Wahlerfolg der Linken und das Leid der deutschen Arbeiterklasse. „Alles das wird man nicht mehr so hinnehmen“, sagt sie. „Die Zeichen stehen gut. Ich bin optimistisch.“ Ihre chilenischen Kampfgenossen sind es auch. „Proletarier aller Länder“, wird zum Schluss gemeinsam angestimmt, „vereinigt euch und seid frei!“ Jens Mühling

Das komplette Video unter: www.tagesspiegel.de/honecker

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