Politik : Videos als Anklage

Caroline Fetscher

Helle Aufregung herrscht in der Lobby des Haager Kriegsverbrecher-Tribunals, als Slobodan Milosevic seine einleitende Erklärung begonnen hat. Im Duktus eines Anklägers führte er "Beweismaterial gegen die Nato" vor - und den Auftakt machten zwei deutsche Fernsehproduktionen. "Das wird für euch in Deutschland ziemlich peinlich", grinste ein britischer Journalist.

Per Video führte Milosevic einen Monitorbeitrag aus dem Jahr 2001 vor, der die bei Kritikern der Kosovo-Intervention beliebte "Racak-Lüge" illustrieren sollte: die Behauptung, bei den Toten des Massakers von Racak im Februar 1999 habe es sich nicht um kosovo-albanische Zivilisten, sondern um Rebellen der UCK gehandelt, die bei regulären Kämpfen ums Leben kamen. Auch der zweite von Milosevic gezeigte Film sucht diese These zu stützen. Die am 8. Februar 2001 in der ARD ausgestrahlte WDR-Produktion "Es begann mit einer Lüge" hatte damals schon unter deutschen Zuschauern heftige Debatten ausgelöst. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" widmete dem dort als "Bulldozer-Journalismus" bezeichneten Bericht sogar eine ganze Seite. Der kosovo-albanische Übersetzer der beiden Filmemacher Angerer und Werth, Besnik Hamiti, gab in der "FAZ" seinem Entsetzen über die Verzerrungen und Auslassungen des Films Ausdruck: "Herr Werth hat die ganze Zeit darauf bestanden, von den Leuten dort die Stellungnahme zu bekommen, die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK habe die serbische Polizei provoziert, und dass 24 der 45 Menschen, die dort getötet wurden, UCK-Kämpfer gewesen seien. Dies wurde von den Dorfbewohnern nicht bestätigt." Den Propagandawert des Berichtes erkannte seiner Zeit auch Mira Markovic, Milosevics Ehefrau, die den Film fünf- bis sechsmal auf ihrem Privatsender JUL ausstrahlen ließ, bevor der WDR juristisch gegen die nicht genehmigte Wiedergabe einschritt.

Wie angekündigt setzte Slobodan Milosevic nach dem Video seine Ausführungen zur Geschichte und zu den Nato-Angriffen fort, indem er auf die "grauenvollen und unglaublichen Lügen" der Anklage Bezug nahm. So erläuterte er die Ursache der Flucht von Kosovo-Albanern aus ihrem Land: Unter Schlägen seien sie von der UCK gezwungen worden, das Land zu verlassen oder aber aus Angst vor den Bomben der Nato geflüchtet. Kriegsgräuel, serbische Armee und Polizei habe es nie gegeben: "In der serbischen Tradition ist ein Kriegsgefangener und sind unbewaffnete Personen heilig."

Würde das Gericht, statt die Schwere der 78 Tage dauernden Bombardierung Serbiens zu berücksichtigen, Zeugen glauben, die behaupten, sie seien vor Serben geflüchtet, wäre das "die Krönung dieser Farce", erregte sich der Angeklagte. Vor Zeugen fürchte er sich gleichwohl nicht. "Bringen Sie so viele Zeugen, wie Sie wollen. Ich werde keinen am Kommen hindern." Milosevic hat seine eigene Version des Kriegsanfangs: "Der Krieg begann mit der Ermordung des Vaters einer serbischen Braut in Sarajevo. Das erste Opfer war ein Serbe."

Viel Zeit verwendete der Angeklagte in seiner dreieinhalb Stunden dauernden Rede auf detaillierte Fotodokumente von toten Nato-Opfern - "das ist die 12jährige Milica" -, zerbombten Brücken und Bauten. Unverständlich fand Milosevic die Tatsache, dass die Anklage Auszüge aus seiner Rede auf dem Amselfeld am 28. Juni 1989 per Video vorgeführt hatte. "Das war eine gute Rede", meinte er und verlas längere Passagen daraus - bevölkert von Begriffen wie Kooperation, Gleichberechtigung, Solidarität, Harmonie zwischen religiösen und ethnischen Gruppen in Jugoslawien.

Seine Gegner, die ihn hier am Tribunal "kreuzigen wollen", haben "nichts gegen ihn in der Hand", sagte der Ex-Präsident. Dass er sich für seine Anklage gegen die Ankläger aus eben diesen Westmedien hat bedienen können, war erst einmal vergessen.

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