Videoüberwachung : Big Brother hat versagt

Londons Polizei kritisiert Videoüberwachung: Die Ermittler können die Bilderflut überhaupt nicht verarbeiten.

Markus Hesselmann

London Großbritannien gilt als am stärksten videoüberwachtes Land Europas. Mehr als vier Millionen Kameras verfolgen die Bürger auf Schritt und Tritt. Begründet wird der Aufwand vor allem mit dem Kampf gegen Kriminalität. Angesichts terroristischer Bedrohungen und der Angst der Bürger vor Verbrechen ist die Nützlichkeit der Videoüberwachung politischer Konsens auf der Insel. Jetzt aber stellt ein hochrangiger Polizist deren Wirksamkeit infrage. „Es ist ein völliges Fiasko“, sagte Mick Neville, der bei der Metropolitan Police für die Videoüberwachung zuständig ist, bei einer Sicherheitskonferenz in London. Nur drei Prozent der Überfälle auf Londons Straßen würden durch Videobilder aufgeklärt. „Milliarden von Pfund sind für Technik ausgegeben worden, aber es wurde nicht daran gedacht, wie die Polizei oder die Gerichte die Bilder auch nutzen können“, sagte Neville.

„Ursprünglich galt Videoüberwachung als Maßnahme der Prävention“, sagte der Polizeiexperte. Die Kameras hätten aber längst ihre abschreckende Wirkung auf Kriminelle verloren. „Es gibt keine Furcht mehr vor Videoüberwachung.“ Da so viele Täter davonkämen, gingen sie inzwischen davon aus, dass die Kameras ohnehin nicht funktionierten. Das Problem ist nach Ansicht Nevilles aber eher ein organisatorisches als ein technisches. Meist werde die Polizei schlicht der Bilderflut nicht Herr. Die Mitarbeiter seien schlecht darin ausgebildet, nach Verbrechen die entsprechenden Aufnahmen zu finden und auszuwerten. Nun will Londons Polizei nicht etwa die Kameras abbauen, sondern das System dahinter verbessern. Eine neue Datenbank soll Rückschlüsse und Vergleiche zwischen Bildern und schriftlichen Informationen über Verdächtige erleichtern. Und neue Technik soll die Identifikation von Tätern vereinfachen, in dem sie zum Beispiel Logos auf Kleidung erkennt.

Das alles müsse mit „Big Brother concerns“, der Angst der Bürger vor einem Überwachungsstaat, abgewogen werden, sagte Neville in Anspielung auf George Orwells Zukunftsroman „1984“, mit dem vor fast sechs Jahrzehnten der berühmte Satz „Big Brother is watching you“ geprägt wurde. Weltweit berufen sich Kritiker an staatlicher Überwachung auf den britischen Schriftsteller und seine totalitäre Vision. In Großbritannien selbst aber macht sich eine breitere Öffentlichkeit erst in jüngerer Zeit Sorgen um das Thema. Im vergangenen Jahr warnte der Datenschutzbeauftragte Richard Thomas vor einem „schleichenden Übergriff“ auf die bürgerlichen Rechte und regte eine öffentliche Debatte an. Zur aktuellen Diskussion meldete sich sein Büro jetzt mit der Forderung zu Wort, dass Aufnahmen unverdächtiger Bürger nicht aufbewahrt werden dürften. Doch auch die Kameras haben ihre Fürsprecher: „Wenn wir vernünftig damit umgehen, ist alles gut, was hilft, Kriminelle von der Straße fernzuhalten und Kriminalität zu verhindern“, sagte ein Vertreter von „Victim’s Voice“ einer Hilfsorganisation für Verbrechensopfer, dem Sender BBC.

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