Politik : Viel Frust, kein Geld

Der Vater des toten zweijährigen Kevin hatte Probleme mit der AlG-II-Behörde

Eckhard Stengel[Bremen]

Was treibt einen Vater dazu, sein Kind umzubringen oder es zumindest zu vernachlässigen, bis es stirbt? Im Fall des toten Kevin aus Bremen fehlt dazu bisher eine klare Antwort. Da der inhaftierte Vater des Zweieinhalbjährigen die Aussage verweigert, kann man über seine Motive nur spekulieren – falls er denn der Täter ist. Nur der FDP-Jugendverband Junge Liberale (Julis) hat bereits eine Erklärung: Solange sich Drogensüchtige illegal ihren Stoff beschaffen müssten, könnten sie sich nicht vernünftig um ihre Kinder kümmern. Deshalb fordern die Julis eine kostenlose und kontrollierte Abgabe von Heroin. Ob das in diesem Fall geholfen hätte? Kevins Vater bekommt bereits die Ersatzdroge Methadon. Ob er zusätzlich auch Heroin genommen hat, lässt sich derzeit nicht verlässlich klären.

Dafür ist inzwischen ein anderes Mosaiksteinchen aufgetaucht. Die „Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales“ (Bagis), die für die Bewilligung von Arbeitslosengeld II zuständig ist, hatte zunächst auch an Kevins Vater gezahlt. Nach Informationen des Tagesspiegels drehte ihm die Bagis aber zum April plötzlich den Geldhahn zu. Sie hielt den Methadon-Empfänger und Alkoholtrinker für nicht mehr arbeitsfähig, so dass er seinen Anspruch auf ALG II verloren habe und sich stattdessen Hilfe vom Sozialamt holen sollte. Das wiederum sah weiterhin die Bagis in der Pflicht.

Nach vier Wochen ohne Geld zog der 41-Jährige vors Verwaltungsgericht. Das gab ihm noch am selben Tag recht (Az.: S 2 V 1071/06). Wie ein Justizsprecher auf Tagesspiegel-Anfrage bestätigte, musste die Bagis daraufhin eigentlich wieder ALG II zahlen. Doch abgesehen von einem Abschlag fürs bevorstehende Wochenende habe die Behörde die weitere Zahlung „ein bisschen verzögert“ und auch nicht gleich in voller Höhe geleistet. Eine absichtliche Schikane gegen einen unliebsamen und gewaltbereiten Zeitgenossen, der bei der Bagis sogar Hausverbot hatte?

Die Behörde bestreitet vehement unlautere Motive, äußert sich aber nicht zu Details – wegen des Datenschutzes und weil ein Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft auch diesen Vorgang überprüfen soll. Der Anwalt des Vaters, Thomas Becker, sagt, solche Kompetenzstreitigkeiten zweier Behörden seien schon „für den Normalsterblichen nicht nachzuvollziehen“ – für einen Methadon- Empfänger seien sie „eine Katastrophe“.

Wohl erst recht für jemanden, der als wandelnde Zeitbombe galt, wie man hinzufügen könnte. Allerdings hat Kevin noch mindestens zwei Monate nach diesem Streit gelebt. Der Kampf ums Geld kann also allenfalls die Lage ein wenig zugespitzt haben. Der Vater selbst scheint sich ohnehin für unschuldig zu halten. Laut Staatsanwaltschaft soll er bei der Inhaftierung sinngemäß gesagt haben: „Es war ein Unfall – aber das glaubt mir ja doch keiner.“ Die Justiz ermittelt weiterhin gegen ihn wegen des dringenden Verdachts des Totschlags und der Misshandlung Schutzbefohlener.

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