Politik : „Viele glauben nicht an einen Unfall“

Nach dem Tod des Vizepräsidenten und früheren Rebellenführers Garang in Sudan brechen Unruhen aus

Dagmar Dehmer[Berlin],Wolfgang Drechsler[Kap]

John Garang wollte nie Vizepräsident Sudans werden. Das Lebensziel des am Samstag bei einem Hubschrauberabsturz zwischen Uganda und Südsudan ums Leben gekommenen Rebellenchefs hatte lange darin bestanden, Staatschef in einem vereinten, weltlichen Sudan zu werden. Wie sein Erzfeind, der sudanesische Präsident Omar al Baschir, war aber auch Garang nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg mit mehr als zwei Millionen Toten zu der Einsicht gelangt, dass weder Norden noch Süden den größten Flächenstaat Afrikas allein beherrschen könnten. Garangs Tod wiegt umso schwerer, als der 60-Jährige erst vor drei Wochen als Vizepräsident vereidigt worden war. Bis zuletzt war er unumstrittener Führer der sudanesischen Befreiungsarmee (SPLA), die seit 1983 gegen die muslimische Zentralregierung in Khartum kämpfte.

Die SPLA gab am Montagabend bekannt, dass der Chef der Armee im Süden, Salva Kiir, die Nachfolge Garangs in allen Ämtern übernehme. Aus Khartum gab es dafür zunächst keine Bestätigung. Kiir – ein alter Vertrauter, aber auch Rivale Garangs – wird ein kollegialer Führungsstil nachgesagt, es fehlt ihm aber an Charisma. Die SPLA betonte, dass es bislang keine Hinweise auf einen Anschlag gebe. „Viele werden nicht daran glauben, dass es ein Unfall war“, sagte ein SPLA-Sprecher in Nairobi. Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sagte: „Gerade in dieser Anfangsphase der Umsetzung des Friedensprozesses ist Garangs Tod ein schwerer Verlust für den Süden.“

Garang galt als Schlüsselfigur des Friedensprozesses und dominierte die von ihm mit eiserner Faust geführte SPLA wie kein anderer. In dem Bemühen, die Einheit der Rebellen im Kampf gegen das Islamistenregime zu wahren, war ihm fast jedes Mittel recht. Interne Gegner wurden gefoltert, eingesperrt oder gleich umgebracht. Er selbst überlebte mehrere Anschläge. Sichtbar wurde Garangs Ausnahmestellung zuletzt, als er zum Vizepräsidenten ernannt und in Khartum von mehr als einer Million Anhängern bejubelt wurde. Die Aufnahme des Rebellenchefs in die Regierung galt als Meilenstein auf dem Weg zum dauerhaften Frieden. All dies ist nun gefährdet.

Der zu Jahresbeginn unterzeichnete Friedensvertrag hatte dem Süden des Landes ein hohes Maß an Autonomie gewährt. Die Scharia, das islamische Recht, wird im Süden abgeschafft. In sechs Jahren soll ein Referendum über eine mögliche Abspaltung stattfinden. Außerdem sollen die Öleinnahmen geteilt werden. Garang selbst war seit 1983 nicht mehr in Khartum gewesen. Damals war er als Offizier in den Süden geschickt worden, um eine Meuterei niederzuschlagen. Stattdessen wurde der in Amerika ausgebildete Armeeoffizier selbst Rebell und gründete die SPLA.

Dass der Friedensprozess in Sudan nun auf tönernen Füßen steht, zeigen die gleich nach dem Tod von Garang ausgebrochenen Unruhen in Khartum und der ölreichen Gegend um Malakal. Aufgebrachte Südsudanesen setzten Autos und Geschäfte in Brand. Nach Angaben von Augenzeugen kamen mindestens 24 Menschen ums Leben. Am Abend verhängte die Regierung eine nächtliche Ausgangssperre in Khartum. Gefährdet wird der Frieden aber auch durch anhaltende Konflikte in der Westregion Darfur sowie in Ostsudan. Beide Auseinandersetzungen sind auch eine Folge des Friedensvertrages zwischen dem Norden und Süden. Die Rebellen hoffen auf ähnliche Konzessionen, wie sie Khartum der SPLA gemacht hat. Vor allem die Rebellen in Darfur hatten große Hoffnungen in Garang gesetzt, der dem Thema Priorität geben wollte.

Der deutsche Unternehmer Klaus Thormählen, der eine Eisenbahnlinie von Südsudan über Uganda nach Kenia bauen will, geht trotz des Todes von John Garang davon aus, dass die Verträge für die 4100 Kilometer lange Eisenbahnstrecke noch in diesem Jahr unterzeichnet werden. „Ich sehe im Moment noch nicht die Gefahr, dass das Land wieder im Chaos versinkt“, sagte er dem Tagesspiegel. Allerdings müsse man jetzt darauf achten, „die Stabilität zu erhalten“. Es gebe aber in der früheren Rebellenbewegung „nicht nur eine Führungsperson“.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben