Politik : „Viele helfen aus persönlicher Betroffenheit“

Christina Rau über die fortlaufende Hilfe für Tsunami-Opfer und Unterschiede zum Erdbeben in Pakistan

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Ein Erdbeben hat Kaschmir verwüstet, davor wüteten Wirbelstürme in Lateinamerika und den USA. Vom Tsunami sprechen fast nur noch Fachleute. Ist Katastrophenhilfe so lange aktuell, bis die nächste kommt?

Ein Stück weit. Der Tsunami ist aber nicht in Vergessenheit geraten. Dieses Ereignis hat jede Vorstellung überschritten: hinsichtlich der Zahl der Toten und der betroffenen Länder. Nur spielt sich vieles, das kein Pressethema mehr ist, eben ohne Emotionen und öffentliches Interesse ab. Deshalb war ein Ziel der Partnerschaftsinitiative, zu sagen: Nothilfe ist das eine, aber der Wiederaufbau braucht mehrere Jahre. Und auch diese Phase sollen die Bürger – begleitend zu den Maßnahmen der Bundesregierung – mit unterstützen. Wenn jetzt nicht mehr ständig über die Hilfe berichtet wird, läuft sie trotzdem weiter.

Kommen immer noch Leute auf Sie zu, die sich entschlossen haben, ein Projekt zu unterstützen?

Eigentlich nicht. Inzwischen ist es eher so, dass immer wieder neue Projekte an uns herangetragen werden, die man fördern sollte, zum Beispiel zur Traumabewältigung. Wir müssen aber schon sehr genau überlegen, ob aus dem verbliebenen Kreis derjenigen, die helfen wollen, sich noch jemand dafür findet, der gerade dieses Projekt stützen möchte, beziehungsweise wer dafür in Frage kommt.

Ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes sagteletztens:„Jetzt kommen die guten Projekte, aber wir haben keine Paten mehr.“

Das liegt daran, dass die Katastrophe riesig war und viel Geld floss, auch über EU und UN. Da entsteht fälschlicherweise der Eindruck, es wäre genug Geld da.

Wie viele Hilfsangebote gibt es denn noch?

Anfang des Jahres sind bei uns rund 1300 Angebote eingegangen. Davon haben etwa 190 Interessierte noch nichts gefunden, was ihnen zusagt. Aber wir können die Leute auch nicht ständig anrufen und ihnen Projekte anbieten. Der Sinn der Partnerschaftsaktion war, zivilgesellschaftliches Engagement anzuschieben und zu festigen, so dass ein längerfristiges Engagement entsteht, das nicht nur bis zum nächsten großen Spendenaufruf anhält. 287 Projekte sind mittlerweile angelaufen. Wie viele Partnerschaften daraus entstehen, wird die Zeit zeigen. Aber wir drängen nicht und sagen, „Sie haben doch mal Interesse gezeigt, jetzt müssen Sie sich aber auch engagieren.“

Wird überall gleich gern geholfen, oder wird lieber der Kindergarten mit aufgebaut als die Kläranlage?

Das Bürgerengagement, das wir angesprochen haben, ist nicht unbedingt darauf ausgerichtet, Kolloquien zu Friedensgesprächen in Aceh zu unterstützen. Da haben Sie Recht. Es ging denjenigen, die sich mit Partnerschaftsprojekten engagieren wollten, meist um ein konkretes Projekt, das sie bebildern und von dem sie sagen können: Da haben wir so und so viele Leute in die Berufsausbildung gebracht, oder das ist jetzt unsere Kinderambulanz. Andere Projekte wie zum Beispiel Entsalzung der Wiesen sind auch noch vermittelbar, aber es braucht mehr Überzeugungsarbeit.

Wie sicher sind die Projekte, falls einer Kommune das Geld ausgeht, oder ein neuer Bürgermeister keines mehr dafür ausgeben will?

In der Vermittlung wird darauf geachtet, dass sich niemand übernimmt. In vielen Fällen haben wir Angebote mehrerer Kommunen gebündelt, um ein Projekt zu tragen. Dadurch ist eine solide Struktur entstanden. Viele deutsche Partner begleiten auch nur eine einzelne kleinere Baumaßnahme. Und zwar nicht für die kommenden fünf Jahre, sondern für einen überschaubareren Zeitraum. Die Bürgermeister passen auf, dass sie nicht plötzlich aus dem eigenen Haushalt für ein Projekt zahlen müssen – obwohl manche das auch bewusst tun.

Und die Erwartungen der Spender? Haben sich manche zurückgezogen, weil sie dachten, es ginge etwas schneller?

Wir wollten von Anfang an gemeinsam mit den Menschen in den betroffenen Ländern und den Regierungen dort entscheiden, wo die Hilfe hingehen soll, und was gewünscht wird. Bevor es richtig losgehen konnte, haben wir lange Gespräche mit Hilfsorganisationen und Betroffenen vor Ort geführt. Deshalb war in den meisten Fällen vor Juli an Wiederaufbau gar nicht zu denken. Es gab also manche, die im Januar ein Projekt unterstützen wollten. Aber als wir anriefen und sagten, wir hätten da was, hieß es: „Nee, jetzt haben wir uns anders orientiert.“ Das ist auch in Ordnung. Die Partnerschaftsinitiative und ihre Bonner Beratungsstellen sind für diejenigen da, die helfen möchten, aber sie ist keine Vorschrift.

In Pakistan klagen die Hilfsorganisationen über Zurückhaltung bei den Spendern. Fehlt es schlicht an Nähe – oder warum war die Anteilnahme beim Tsunami größer?

Bei vielen ist das natürlich die Verbundenheit mit dem Land durch den Urlaub gewesen. Vor allem Thailand und Sri Lanka waren in Deutschland nicht unbekannt. Das zeigen auch die Hilfsangebote, die für diese beiden Länder enorm waren. Für Indonesien, das ja noch deutlich stärker getroffen worden ist, musste die Bereitschaft erst geweckt werden. Außerdem haben viele Leute, die den Tsunami überlebt haben, aus persönlicher Betroffenheit eine Hilfsaktion gestartet. Oder Kommunen haben sich besonders engagiert, in denen Menschen aus den betroffenen Ländern leben. Wie zum Beispiel in meiner Heimatstadt Bielefeld, wo viele Tamilen leben.

Werden Sie auch nach dem Regierungswechsel als Sonderbeauftragte für die Partnerschaftsinitiative weitermachen?

Die Arbeit wird weitergemacht, von wem auch immer. Es geht darum, zu zeigen, dass wir verlässliche Partner sind. Unser Engagement wird in den betreffenden Ländern sehr geschätzt. Solange ich das Gefühl habe, ich sollte noch etwas anschieben und mitbegleiten, mache ich das gerne. Aber irgendwann läuft es auch von selbst. Es gibt ja noch die Servicestelle der Partnerschaftsinitiative bei InWEnt in Bonn und die Partnerschaftsbüros an den Botschaften und Konsulaten der betroffenen Länder, die die deutschen Partner beraten und begleiten. Vielleicht braucht man dann die Koordinatorin nicht mehr.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

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