Politik : Viele Köpfe, eine Idee

Robert von Rimscha

Gleich nach dem Krieg debattierte Amerika, ob das niedergeschlagene Hitler-Deutschland nicht seiner Industrie beraubt werden sollte. Ein Agrarstaat als Bollwerk gegen künftige Aggressionen: Einer derer, die es Amerika ausredeten, war Eric Warburg. Der deutsch-jüdische Bankier war, mit der politisch völlig anders eingestellten Gräfin Dönhoff und Erik Blumenfeld, einer der Gründer der Atlantik-Brücke.

Die provokanteste Position gegen Saddam hat sie nicht. Die angesagtesten postkolonialistischen Theoretiker versammelt sie gleichfalls nicht. Die Atlantik-Brücke, die heute mit Vater George Bush ihren 50. Geburtstag im Schloss Charlottenburg feiert und diesem den Warburg-Preis verleiht, ist ein besonderes Gewächs. Am ehesten ist sie mit ihren 350 Mitgliedern ein Club, der, wie der Vorsitzende Arend Oetker einräumt, "schon etwas mit Elite zu tun" habe.

Der Zeitgeschichtler Ludger Kühnhardt meint, die Organisation sei "zum Inbegriff für die gesellschaftliche Verankerung" der transatlantischen Beziehung geworden. Damit nimmt sie eine Sonderrolle ein: Anders als Aspen, American Academy, Fulbright, Marshall-Fund und andere lebt die Atlantik-Brücke von der Idee - pur. Sie hat kein Thema, sie hat keine Position. Ihr Ziel ist die Bereitstellung eines engmaschigen Netzwerks von Personen, die sich lange kennen. Dieses Netzwerk fängt dann ein, was an Irritationen droht, am besten im Vorfeld. Daher sind für die Atlantik-Brücke Konferenzen weniger der Daseinszweck als vielmehr ein Anlass, das Netz zu erneuern und zu verdichten. "Wie ein virtuelles Institut" arbeite seine Organisation, sagt Oetker.

Das Verdichten bewerkstelligt sie mit dem "Young Leaders"-Programm. Abwechselnd in Deutschland und den USA treffen sich junge Führungskräfte aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Eine erkleckliche Zahl Ehemaliger sitzt heute in Unternehmens-Vorständen, Bundestagsfraktionen, Chefredaktionen, Generalstäben und Verbandsspitzen. Das ist das Kapital der Atlantik-Brücke: über Jahrzehnte aufgebaute Kontakte. Wozu? Richard von Weizsäcker drückt es so aus: "Im Grunde wird Amerika von 200 Familien beherrscht."

Die eigene Verjüngung ist bei einer Traditionsvereinigung wie der Atlantik-Brücke eine stete Aufgabe. Seit Jahren unterstützt die Organisation den Schüleraustausch von "Youth for Understanding": ein Standbein in künftigen Generationen. Sie holt US-Lehrer nach Deutschland und fördert ostdeutsche Amerika-Interessenten, wobei Oetker "nicht zufrieden" ist mit der Präsenz Ostdeutscher in den Gremien der Organisation.

Die andere Herausforderung heißt Europa. "Unser Brückenpfeiler kann nicht Deutschland heißen, das muss Europa sein", sagt Oetker. Direkte Drähte auf binationaler Ebene waren entscheidend, solange sich der US-Präsident allmorgendlich nach der Lage in Berlin erkundigte. Heute, wo US-Politiker eher einer Generation angehören, die beim Aufspüren Berlins auf einer Weltkarte ihre liebe Not hat, ist die Europäisierung des Kontaktnetzes eine gewaltige Aufgabe. Auch hier zeigt sich, wie einmalig die Organisation ist. Kaum ein EU-Partner kann Vergleichbares aufweisen. So prognostiziert Alt-Bundespräsident von Weizsäcker: "Die Aufgaben der Atlantik-Brücke werden größer, nicht kleiner."

Heute wird übrigens Joschka Fischer die Laudatio auf George Bush halten. Eine solche Paarung ist ganz im Sinne der Atlantik-Brücke. "Es ist schon interessant, was Fischer da sagen wird", meint Oetker. In der Orangerie des Charlottenburger Schlosses ebenfalls erwartet werden Kanzler Schröder und seine Vorgänger Kohl und Schmidt.

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