Politik : Viele Köpfe, keine Führung - wer hinter den Protesten in Belgrad steht

Claudia Lepping

Slobodan Milosevic hat seit seinem Machtantritt 1987 viel verloren, nicht aber den Kampf gegen die Opposition. Seit Jahren betreibt er deren Demoralisierung voran. Drei Jahre nach den ersten Massenkundgebungen nun also wieder eine Großdemonstration gegen Milosevic. Welche politischen Köpfe stehen dahinter? Fast alle Oppositionsführer gehörten in den achtziger Jahren der Demokratischen Partei an, die den von Milosevic entfachten Nationalismus wie paralysiert verfolgte. Bis heute ist die Opposition in unzählige Gruppierungen zersplittert.

Als Initiator der "Allianz für den Wandel" hat sich auch in diesem Sommer wieder der Vorsitzende der Demokratischen Partei, Zoran Djindjic, dargestellt. Vor drei Jahren hatte er das Oppositionsbündnis Zajedno (Gemeinsam) aus der Taufe gehoben. Aus den Kommunalwahlen 1997 war Djindjic als erster nichtsozialistischer Bürgermeister Belgrads hervorgegangen. Milosevic wollte die Ergebnisse annulieren, die der Opposition in neun der 13 größten Städte in die Rathäuser verhalf; nach wochenlangen Demonstrationen gegen ihn lenkte er jedoch ein. Gestürzt wurde Djindjic letztlich nicht von Milosevic, sondern von seinem Intimfeind Vuk Draskovic, der das Bündnis verließ und damit entmachtete. Während des Kosovo-Krieges war Djindjic in die Teilrepublik Montenegro geflohen, weil er einberufen wurde. Und obwohl er serbischen Interessen huldigt und der Kosovo-Politik des Regimes nie widersprach, zählen er und Montenegros Präsident Djukanovic zu den Hoffnungsträgern des Westens.

Einem politischen Chamäleon gleicht Vuk Draskovic, der Monarchiefreund und patriotische Dichter. Zwei Jahre verbrachte er wegen systemkritischer Äußerungen im Gefängnis; mit einem Hungerstreik erzwang er seine Freilassung. Der Chef der Erneuerungsbewegung hatte bei Zajedno das meiste Charisma im Aufstand gegen den Diktator. Und doch ließ er sich von dessen Politik des "Teile und herrsche" als Vizeregierungschef ins Boot holen. Dortverscherzte er es sich zwar, als er Milosevic aufforderte, den Krieg mit der Nato zu beenden - der Präsident setzt ihn ab. Am Mittwoch abend, so melden es serbische Agenturen, haben sich Draskovic und Milosevic schon wieder zusammengesetzt. Am Protest nimmt Draskovic dafür nicht teil.

Die Soziolgieprofessorin Vesna Pesic, frühere Zajedno-Verbündete von Djindjic und Draskovic, floh am Mittwoch nach Montenegro, nachdem Milosevic gegen sie Klage wegen "Aufrufs zum gewaltsamen Umsturz" erhoben hatte. Den Vorsitz ihrer Bürgerallianz hatte sie zuvor an Goran Svilanovic abgegeben, der mit Djindjic die "Allianz für den Wandel" anführt.

Drasgoslav Avramovic gilt vielen als Joker im Kampf um die Macht. Der systemkritische frühere Chef der serbischen Zentralbank hatte Milosevic schon im Bosnienkrieg innenpolitisch Paroli geboten. Der 80jährige hat im Westen viele Sympathien. Sein Engagement für eine wirtschaftliche Konsolidierung des Landes wird unterstützt vom ehrgeizigen Wirtschaftsexperten Mladjan Dinkic, der eine unabhängige Expertengruppe als Übergangsregierung auf die Beine stellen will.

Nach langem Zögern hat sich die serbisch-orthodoxe Kirche um ihr Oberhaupt, Patriarch Pavle, auf die Seite der Regimegegner geschlagen. Nicht etwa aus Protest gegen die Politik von Milosevic, sondern aus Empörung darüber, dass dieser das Kosovo durch das Friedensabkommen "verraten" habe. Demonstrieren wird Pavle nicht.

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