Politik : Viele Regionen Indonesiens träumen von der Unabhängigkeit

Gleich wie die Volksabstimmung in Ost-Timor ausgeht, sind die Unabhängigkeitsbestrebungen in zahlreichen anderen Regionen Indonesiens nach Einschätzung von Experten nicht mehr zu stoppen - eine gefährliche Entwicklung für die Regierung in Jakarta: Während die frühere portugiesische Kolonie Ost-Timor arm an Rohstoffen ist und damit keine bedeutende wirtschaftliche Rolle spielt, könnte etwa eine Loslösung der Provinz Aceh fatale Folgen für die Volkswirtschaft des südostasiatischen Landes haben. Dort kämpfen Rebellen seit längerem für die Unabhängigkeit.

Von Aceh, ganz im Westen, über die Molukken und Borneo bis zur äußersten Ostgrenze Indonesiens in Irian Jaya auf der Insel Papua-Neuguinea haben die blutigen Konflikte über die Jahre Tausende Menschen das Leben gekostet und Hunderttausende zu Flüchtlingen gemacht. Die indonesische Armee wird ihrem Anspruch, Hüter der territorialen Einheit des moslemischen Landes zu sein, schon lange nicht mehr gerecht. Dennoch weigert sich das Militär hartnäckig, in konfliktträchtigen Gebieten eine ausschließlich zivile Kontrolle zuzulassen.

Immerhin arbeitet die Regierung inzwischen an einer Reihe von Gesetzen, mit denen allmählich eine Regionalisierung und bestimmte Formen von Autonomie für die unterschiedlichen Provinzen des Landes möglich werden sollen. Bislang scheiterte jede Reform an der zentralistischen Bürokratie, die auf keinen Fall die Kontrolle über die Einkünfte aus den "äußeren Inseln" verlieren will. Denn vor allem diese Goldadern sichern die Prosperität der Hauptinsel Java, wo sich nicht nur das Herzstück der indonesischen Industrie, sondern auch die Hälfte der Bevölkerung des Landes konzentriert.

Dennoch wurden kurz nach der Ankündigung von Präsident Jussuf Habibie, Ost-Timor in die Unabhängigkeit zu entlassen, falls sich keine Mehrheit für eine Selbstverwaltung findet, auch in Aceh Forderungen nach einer Volksabstimmung laut. Genau wie Ost-Timor hat auch Aceh eine lange Geschichte des Widerstands gegen die Zentralgewalt, die bis in die Zeit niederländischer Kolonialherrschaft zurückgeht. Dennoch gibt es einen bedeutenden Unterschied: Aceh ist reich an Öl- und Gasvorkommen, so dass ein Verlust für Indonesien sehr schmerzhaft sein würde.

Die Abhängigkeit des riesigen Inselreiches von Gas- und Ölausfuhren hat stetig zugenommen. Eine Ursache ist nach Einschätzung von Experten der Anstieg der Öl-Preise. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Indonesien eine strikte Wirtschaftspolitik auferlegt. Derzeit scheinen die Erlöse aus Energie-Exporten die einzige Möglichkeit für Indonesien, weiter Schuldenzahlungen leisten zu können.

"Für Indonesien beginnt eine gefährliche und unsichere Zeit", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Sri Mulyani Indrawati. Auch andere Experten raten der indonesischen Regierung, sich schnellstmöglich um den Konflikt im abtrünnigen Aceh zu kümmern. Die Regierung müsse den Dialog mit dem Anführer der Moslem-Rebellen in Aceh suchen, wo in den vergangenen Monaten mehr als 200 Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und indonesischen Sicherheitskräften ums Leben kamen.

Weiteren Zündstoff könnte die Provinz Irian Jaya bergen. Genau wie in Aceh kämpfen dort Rebellen für eine Loslösung von Indonesien. Auch Irian Jaya birgt kostbare Bodenschätze. Große Öl- und Gasvorkommen befinden sich auch in den Provinzen Riau auf Sumatra und Ost-Kalimantan auf Borneo, wo es in den vergangenen Wochen Auseinandersetzungen gegeben hat.

So muss Staatschef Jusuf Habibie mit dem Erstarken der Unabhängigkeitsbestrebungen rechnen, andererseits sieht er sich mit Kritik konfrontiert, die aus der zentralstaatlichen Tradition genährt wird. Erst kürzlich forderten moslemische Studenten den Staatschef auf, den Zerfall Indonesiens zu stoppen. Schon tauchten Karikaturen auf, die ihn mit dem letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow gleichsetzten - Habibie als Totengräber eines großen Staatsgebildes. Der Präsident beeilte sich sogleich festzustellen, er werde einer Auflösung seines Riesenlandes niemals zustimmen.

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