Politik : Viele Staaten gehen nach "Mykonos"-Urteil auf Distanz zu Iran

Rußland will hingegen die Beziehungen ausbauen / Bonner Außenministerium möchte Schaden begrenzen BONN/BERLIN/TEHERAN (eid/dpa).Einen Tag nach dem "Mykonos"-Urteil, in dem das Berliner Kammergericht die Staatsspitze Irans für den Mordanschlag auf iranische Oppositionelle verantwortlich gemacht hatte, haben außer Griechenland alle EU-Staaten sowie Australien und Neuseeland ihre Botschafter aus Teheran abgezogen.Rußland hingegen will seine Beziehungen zu Iran ausbauen.Staatspräsident Rafsandschani sagte in Teheran, das Urteil, das "ein großer Skandal" sei, werde nicht ohne Folgen bleiben.Das Bonner Außenministerium war um Schadensbegrenzung bemüht.Der "kritische Dialog" sei nur unterbrochen, nicht beendet. Aus dem Auswärtigen Amt verlautete, mit Rücksicht auf die 530 in Iran lebenden Deutschen wolle man "kein Öl ins Feuer gießen".Die Konsequenzen der Bundesregierung aus dem Urteil des Gerichtes, das den "Mykonos"-Anschlag als Teheraner Auftragsmord bezeichnete, müßten erst "reiflich überlegt" werden.Es gebe bislang auch keinen Anlaß, an den Zusicherungen der iranischen Führung zu zweifeln, die Sicherheit der Europäer in Iran sei gewährleistet. Rund 2000 Anhänger fundamentalistischer Gruppierungen demonstrierten bis Freitag mittag vor der Bonner Botschaft in Teheran, ohne daß es zu Zwischenfällen kam.Botschafter Bächmann war in der Zwischenzeit bereits nach Bonn zurückgekehrt.Der iranische Botschafter in Bonn, Hossein Moussavian, traf gestern in Teheran ein. Die Bundesregierung kritisierte, daß Griechenland seinen Botschafter nicht abziehen wolle.Damit entziehe es sich als einziges EU-Land "der Solidarität mit Bonn".Bis zum 29.April, wenn die EU-Außenminister wieder zusammenkommen werden, wollen sich die Europäer über eine gemeinsame Marschroute in den Beziehungen zu Iran verständigen, hieß es in Brüssel.Bonn will zu diesem Zeitpunkt mit "durchdachten Vorschlägen" beim Ministerrat aufwarten, sagte der Sprecher des Außenamtes, Martin Erdmann. Im Freitagsgebet forderte Staatspräsident Rafsandschani die Bundesregierung auf, sich über den möglichen Verlust von Privilegien in Iran klar zu werden.Mit der geopolitischen Bedeutung Irans und dem Zugang zum Golf und zum Kaspischen Meer sei Iran für Deutschland wichtiger als umgekehrt.Die Unterbrechung des "kritischen Dialogs" bezeichnete er als "nichts Neues".Lediglich Großbritannien, das seit dem Todesbann gegegen den Schriftsteller Salman Rushdie im Jahre 1980 keinen Botschafter mehr nach Teheran entsandt hat, schloß sich gestern den Forderungen der USA an, den "kritischen Dialog" nicht nur zu unterbrechen, sondern ganz zu beenden. Der Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Handelskammer, Herbert Riedel, sagte am Freitag zu möglichen Konsequenzen für die deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu Iran: "In der Wirtschaft ist es eigentlich üblich, Moral und Politik auseinanderzuhalten, was natürlich nicht bedeutet, daß man Menschen- oder Völkerrechtsverstöße gutheißen muß." Deutsche und ausländische Sicherheitsexperten bezeichneten die Gefahr von Vergeltungsschlägen iranischer Terroristen gestern als gering.Auch für die Berliner Richter bestehe keine erhöhte Gefahr, hieß es in Bonner Sicherheitskreisen.Es werde alles unternommen, um die Einschleusung iranischer Attentäter nach Deutschland zu verhindern.

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