Vier Fragen an den ZEIT-Herausgeber : Was Josef Joffe vom Gaza-Konflikt und Putins Drohungen hält

Die Hamas hört nicht auf Clausewitz - und Putin macht einen gewaltigen Fehler, wenn er den Europäern mit höheren Energiepreisen droht: Vier Antworten von ZEIT-Herausgeber Josef Joffe auf aktuelle Fragen.

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Keine Waffenruhe in Gaza. Was erhofft die Hamas sich von diesem Krieg?

Leider drei Dinge, die einen Deal verhindern. Die Hamas will zeigen, dass sie unbegrenzt Verluste und Schläge auf sich nehmen kann, um so die überlegene Macht der Israelis zu entwerten. Sie will so viele Tote in Israel wie nur möglich, um das Land zu terrorisieren; stattdessen bejahen 87 Prozent der Israelis den Krieg. Und die Hamas sieht die eigenen Opfer als Gewinn, weshalb sie aus Wohngebieten, Moscheen und Schulen schießt. In der bizarren Logik der Hamas sind tote Palästinenser nützlich, weil sie im „Krieg der Bilder“ den Druck auf Israel erhöhen. Bei solcher „Strategie“ kann es nur einen Waffenstillstand der Erschöpfung geben. Der alte Clausewitz, der stets den unauflöslichen Zusammenhang von Politik und Gewalt predigte, würde die Hamas nicht verstehen.

Putin droht den Europäern mit höheren Energiepreisen. Wie ist das zu werten?

Als Zeichen der Hilflosigkeit. Putin verliert den kalt kalkulierenden Verstand. In einer Zeit des wachsenden Erdgasüberflusses werden die Europäer nicht beschwichtigen, sondern weiter diversifizieren. Die Drohung ist der bislang schwerste Fehler des Autokraten. Denn er bestätigt die Skeptiker, die schon immer vor der Energieabhängigkeit gewarnt haben. Auch wenn Putin die Drohung zurücknimmt, schädigt er die eigene Wirtschaft.

Argentinien widersetzt sich den „Geierfonds“. Ist Cristina Kirchner die neue Evita Peron?

WmdW glaubt nicht, dass man über Kirchner ein Musical – „Evita“ – wie über Frau Peron schreiben wird. Das Ehepaar Kirchner hat Argentinien ruiniert; die Liebesbezeugungen, die Evita und Juan zuteilwurden, wird dieses Couple nicht kriegen. Andererseits: Argentinien ist schon mal pleitegegangen, zum zweiten Mal in 13 Jahren. Der Peso fiel damals auf ein Viertel, das BIP um elf Prozent. Doch die Märkte vergessen schnell. Die Investoren kamen zurück, und es gelang Argentinien, Kurzläufer gegen langläufige Schuldentitel einzutauschen. Man wird sich irgendwie einigen. Außerdem: Der Staat hat seit 13 Jahren keinen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Ergo: „Don’t cry for me, Argentina.“

Ein Wort zum deutschen Außenminister...

Der hat die richtigen Worte gefunden: „Latent antisemitische Einstellungen, die sich in überzogener Israelkritik niederschlagen“ seien seit langem bekannt. „Was wir hier erleben, ist dennoch schockierend. Da wurden Parolen gebrüllt, die an Judenhass nicht zu überbieten sind.“ Steinmeier hat das richtige Gespür, melden ihm doch seine Botschafter aus aller Welt, wie besorgt Deutschlands Freunde und Verbündete sind.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: Fabian Leber

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben