Politik : Vier Fragen an Josef Joffe: Was macht die Welt? (Gastkommentar)

Heute besucht Gerhard Schröder Wladimir Putin

Heute besucht Gerhard Schröder Wladimir Putin in Moskau. Der russische Präsident hat sich in der Kursk-Affäre wie ein sowjetischer Apparatschik verhalten. Sollte der Kanzler größere Distanz zu ihm halten?

Schröder hat einen ausgesprochenen Hang zu Putin. Er will mit ihm auch (das orthodoxe) Weihnachten in Russland feiern. Doch Männerfreundschaften, siehe zuletzt Schäuble und Kohl, funktionieren nur so lange, wie die Interessen "befreundet" sind. Realpolitisch sind die klar: Deutschland möchte seit eh und je Russlands privilegierter Partner in Europa sein, und Moskau will ein Berlin, das seinen Interessen im Westen Gehör verschafft. So weit, so charascho. Bloß sind die Herren im Kreml - ob weiße oder rote Zaren - meist unangenehme Gesellen. So auch Putin, der anders als Jelzin schamlos mit den Kommunisten paktiert und Schritt um Schritt die Macht in seiner Hand zentralisiert. Es gilt also das alte Lenin-Wort: Vertrauen schaffen, ist gut; Weihnachten nur mit Doris zu feiern, wäre besser.

Die Deutschen durften nie über den Euro abstimmen. Die Dänen tun es in dieser Woche. Doch fest steht schon jetzt: Selbst wenn sie gegen den Euro stimmen, bleibt die dänische Währung an ihn gekoppelt. Sind Referenden über Europa eine Farce?

Volksvoten sind keine Farce, aber sie bestätigen meistens den Status quo. Mit dem können die Dänen ganz gut leben, zumal sie sich vor 20 Jahren an die D-Mark und so auch an den Euro gekettet haben. Das kostet nicht viel - die Zinsen in Jütland sind bloß ein Prozent höher als in Euroland. Doch wenn die Dänen wie erwartet "Nein" zum Euro sagen und so Schweden und Briten in ihrer Ablehnung bestärken, muss das kein Desaster für Europa sein. Im Gegenteil: Es wäre ein guter Anlass, darüber nachzusinnen, warum Europa Angst vor der Vox populi hat. Statt wieder mit Shakespeare zu schimpfen: "Es ist was faul ...", zitieren wir lieber ein anderes Hamlet-Wort: "Es waltet eine besondere Vorsehung über den Fall eines Sperlings." Europa ist nützlich und praktisch, ein Herzensanliegen aber scheint es (noch) nicht zu sein. Nach einem "Nein" der Dänen sollte man umso heftiger über die Seelen-Integration Europas nachdenken.

Bill Clinton hat die strategischen Ölreserven seines Landes anzapfen lassen, um einem Heizöl-Notstand zuvorzukommen. Nörgelt der republikanische Präsidentschaftskandidat Bush zu Recht?

Dass langfristig der Preis für Energie steigen muss, ist eine Sache. Dass man aber hier und heute sehenden Auges die heranschleichende Bedrohung der Weltwirtschaft ignoriert - durch Inflation, Rezession, Arbeitslosigkeit -, kann nicht das Wesen aller Staatskunst sein. Jedenfalls ist die Freigabe der strategischen Reserven klüger als die Begünstigung strategischer Wählergruppen, wie sie nun allenthalben in Europa stattfindet. Denn: Wer zu Hause aus dem Tank schöpft, reduziert seine Nachfrage auf dem Welt-Ölmarkt. Ergo müssen die Preise sinken. Da sich die in jüngster Zeit mehr als verdreifacht haben, kann deren Dämpfung nur gut für die Wirtschaft sein - effizienter jedenfalls, als die Scheichs um mehr Förderung anzubetteln.

Ein Wort zum Außenminister ...

Fischer liest jetzt am liebsten in der neuen Fischer-Biografie von Michael Schwelien. In dieser wird er lobend mit dem Weimar-Außenminister Stresemann verglichen. Der war in der Tat der gerissenste Hund der deutschen Diplomatie, noch gerissener als Genscher. Doch hat der Vergleich seine Tücken. Stresemann hat den Westen gegen den Osten ausgespielt und umgekehrt. Er hat in Locarno die Westgrenzen der Weimarer Republik besiegelt, um umso besser deren Ostgrenzen in Frage stellen zu können. Er hat den Frieden gepredigt, aber den Revisionismus (gegenüber Polen) gemeint. Seine Devise war das "Finassieren", sein Leitstern ein deutscher Sonderweg zwischen Ost und West. Gustav war ein brillanter Stratege, doch sollte sich Joschka an dem Vergleich nur in Maßen delektieren.

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