Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Warum das Großkapital gegenüber drittklassigen Diktatoren einknickt, man Havannas horten sollte und der Markt mächtiger ist als imperialer Ehrgeiz.

von
Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Sony zieht einen Film zurück: Ist Pjöngjang stärker als Hollywood?

Einem altgedienten Schüler von Marx und Adorno wie WmdW fällt auf, dass sich das Großkapital überhaupt nicht so verhält, wie er es in seiner Jugend gelernt hat. Die Bosse und Bonzen agieren nicht mehr hochpolitisch, um Monopole zu festigen, Profit zu mehren und Macht zu zeigen. Heute handeln sie so unterwürfig wie Sony: nicht anecken, keine Machtprobe wagen. Also schießt Sony 42 Millionen Dollar an Produktionskosten in den Wind, statt den Staat gegen einen drittklassigen Diktator zu mobilisieren, der mit Sony-USA auch das Land attackiert hat. Übrigens wollte schon London 1938 Chaplins „Großen Diktator“ verbieten, um Hitler nicht zu reizen. Es hat damals nicht geholfen und wird es auch heute nicht tun. Iran und IS werden es sich merken.

USA und Kuba schließen Frieden: Hält gar keine Feindschaft ewig?

50 Jahre sind doch eine ganze Menge. WmdW hat aber vorgesorgt, indem er Havannas gebunkert hat, die jetzt – nachdem auch Amis sie kaufen dürfen – im Preis heftig anziehen werden. (Merke: Die besten Zigarren der Welt können nur in einem kleinen Teil Kubas, dem Vuelta Abajo, sonst nirgendwo auf der Welt angebaut werden; das Angebot ist scharf begrenzt.) Feinde des US-Kapitalismus können sich auch nicht freuen. Jetzt werden Burger King und Walmart die Insel überziehen; die letzte Bastion des Sozialismus fällt. Wo sollen progressive Menschen nun billig Ferien machen? Pjöngjang ist zu kalt. Nie mehr „Venceremos!“.

Putin gibt dem Westen die Schuld für den Rubel-Sturz: Wie lange kann er das noch machen?

Bis Weltwährungsfonds, USA und EU eingreifen, um Russland wie 1998/99 vor der Pleite zu retten, bevor die Seuche auf die internationalen Finanzmärkte übergreift. Putin muss bloß seinen Abenteurer-Virus ein wenig quarantänisieren. Hier und da zeigen sich schon Keime des Realismus im Kreml. Andererseits: Der Notstand ist des Diktators bester Freund, und Russland hat mit China einen Währungstausch ausgekungelt, um den Rubel zu stützen. Trotzdem: Erst wenn der Ölpreis anzieht, kann Putin wieder auf seinen Expansionskurs zurückkehren. Zurzeit bleibt der Markt mächtiger als der imperiale Ehrgeiz.

Ein Wort zu Pegida ...

Wohl einem Land, das sich von 10 000 Demonstranten so aus der Fassung bringen lässt, derweil die Türkei der Diktatur, Russland dem Putin und der Nahe Osten dem Krieg aller gegen alle verfällt. Besorgniserregender als Pegida ist die wohlfeile Hysterie von der Festplatte, zum Beispiel, wenn SPD-Politiker wie Heiko Maas und Thomas Oppermann mit nationaler „Schande“ und „Rassismus“ böllern. Warum nicht mal die Festplatte neu formatieren und frisch nachdenken?

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Moritz Schuller.

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