Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Großbritannien in der EU halten, Merkel in Moskau feiern, Erdogans Anstand loben - was "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe zu den aktuellen Themen sagt. Vier Fragen, vier Antworten.

Josef Joffe
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".Foto: Promo

David Cameron gewinnt die Wahlen in Großbritannien. Muss die EU sich jetzt warm anziehen?

Vielleicht einen Seidenschal von Hermès (unter Aufnahme eines größeren Ratenkredits), mehr nicht. Die anti-EU Ukip hat die Hälfte ihrer Sitze verloren (1 von 2), die Schottischen Nationalisten, welche die Gelder der EU lieben, haben die totale Einparteienherrschaft über Schottland errungen. Die Meinungsumfragen im Land sind leicht pro EU. Cameron wird halt wie alle Premiers so viel wie möglich britische Autonomie gegen EU-Zentralismus herauszuschlagen und die marktwirtschaftlichen Elemente gegen den Etatismus zu verteidigen versuchen. Solche Stimme wird in Europa gebraucht.

70 Jahre Weltkriegsende in Europa: Eint das Gedenken oder spaltet es?

Wie man sieht, feiern sie alle für sich selber, vor allem die Russen, die am Samstag eine furchterregende Militärparade auf dem Roten Platz aufgezogen haben. In Amerika geht’s gedämpfter zu; für die USA war der Krieg erst am V-J Day (Sieg gegen Japan) am 15. August zu Ende. Außerdem, wie soll der Westen eines Sieges gegenüber Deutschland und Japan gedenken, die seit Jahrzehnten Freunde sind? Und mit einem Wladimir Putin feiern, der heute wieder Richtung Westen vordrängt? Angela Merkel war wieder mal die Schlaueste. Sie ist – rein zufällig – einen Tag später nach Moskau gereist. Immer alle Optionen offenhalten, niemanden verärgern.

Erdogan macht wieder Wahlkampf in Deutschland. Soll er ruhig?

Ich bitte Sie, der macht doch gar keinen Wahlkampf. Er will sich nur bei den Türken in Europa für die Unterstützung bei seiner Wahl zum Präsidenten im letzten August bedanken. Und als höflicher Mensch macht man das nicht per E-Mail. Dagegen hat sich Frau Merkel nie bei den türkischen Bundesgenossen für deren Hilfe im Ersten Weltkrieg bedankt. Oder für die Bereicherung der deutschen Küche durch Döner-Schnellfutter. Also öfter mal nach Anatolien. Das holt Stimmen bei den Deutsch-Türken für die CDU im nächsten Wahlkampf.

Ein Wort zu Obama ... wo war der eigentlich am 8. Mai?

Zum Frühstück gab es zwei knappe Absätze zum 70. Jahrestag des Sieges in Europa. Dann telefonische Glückwünsche an den wiedergewählten Cameron. Anschließend unterwegs. Mittags in der Nike-Zentrale in Oregon, um den Freihandel zu feiern. Am Nachmittag in Watertown, South Dakota, wo er bei der Abschlussfeier der Technischen Hochschule redete. Gegen 21.30 Uhr noch eine Pressekonferenz im Weißen Haus. Der Mann tut was für sein Jahresgehalt von 400000 Dollar. Für den 9. Mai, als Putin-allein-zu-Haus seine Parade mit 15000 Soldaten abzog, vermerkt das Weiße Haus: „keine Auftritte“.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Derzeit lehrt er an der Stanford University. Fragen: mal.

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