Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die griechische Farce in ihrem Facettenreichtum bewundern, islamistische Anschläge vor allem in islamischen Ländern erleben und die UN nicht als Weltregierung begreifen.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: promo

Euro- oder Flüchtlingskrise: Was bedroht Europa mehr?
Nicht Tsiproufakis, trotz Eskalation im Nervenkrieg. Bis Dienstag, wo 1,5 Milliarden fällig sind oder die Pleite offiziell wird, kann sich in dieser griechischen Farce noch vieles drehen. Möglich sind Kapitalkontrollen, Bankenschließungen oder gar eine Parallelwährung alias „Grexit“. WmdW glaubt aber immer noch, dass Europa sein ungezogenes Kind nicht fallen lässt. Wenn doch, wird der Euro weiter bestehen. Bei den Flüchtlingen muss man genauer hingucken. Italien schreit am lautesten, hat aber die wenigsten Anträge pro Kopf. Die größte Last trägt Ungarn mit knapp 350 000 Asylgesuchen 2014/15. Darf man den Ungarn ihren vier Meter hohen Zaun verdenken? In Gefahr ist „Schengenland“, also Europa ohne Binnengrenzen. Die EU als solche wird es überleben, erst recht, wenn sie lernt, die Flüchtlinge zu integrieren.

Islamistischer Anschlag in Frankreich: Warum trifft es so oft dieses Land?
Die Statistik zeichnet ein anderes Bild. Rund zwei Drittel aller Terrorangriffe fanden 2014 in fünf Ländern statt: Irak, Pakistan, Afghanistan, Nigeria und Indien. 80 Prozent der Mordopfer wurden in den ersten vier sowie in Syrien gezählt. Der Terror wütet in Mittelost, Nordafrika und Südasien. Dagegen war die Zahl der Terrorattacken in Frankreich (2004 bis 2013) gnädigerweise sehr klein: 47. England war schlimmer dran mit 400. Grundsätzlich: Es handelt sich nicht um einen „Kampf der Kulturen“ (Islam vs. West), sondern um eine „Kultur des Kampfes“ in der islamischen Welt. Der Westen ist ein kleiner Nebenkriegsschauplatz.

70 Jahre Vereinte Nationen: Wozu brauchen wir noch diese Organisation?
Hier gilt der abgenudelte Spruch: Wenn’s die UN nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Ja, die UN sind keine Weltregierung, sondern ein Ort, wo nationale Interessen immer wieder das Ganze überwältigen. Sie sind drittweltlastig und kein moralisches Vorbild. Aber die UN bleiben unverzichtbar als globales Forum, und manche ihrer Unter-Organisationen (Flüchtlinge, Nahrung, Gesundheit) machen ihre Arbeit so gut es im Gewoge nationaler Egoismen geht.

Ein letztes Wort zum Baguette …
Quelle horreur! Schon wieder ist eine Bastion der kulinarischen Überlegenheit Europas dem US-Kulturimperialismus anheimgefallen. Zwar werden Baguettes noch immer in Frankreich verzehrt, aber diese kulturvergessenen Franzmänner kaufen nun für eine halbe Milliarde Euro geschnittenes, krustenloses Brot. Warum? Wer hat noch Zeit, täglich die frisch gebackenen Stangen auf den Tisch zu bringen? Oder beim Lönch zu zerpflücken? Folglich ist der „American Sandwich“ in. Eine Marketing-Dame erklärt den Erfolg ihres Produkts mit „Modernität und Freiheit“. Auf jeden Fall krümelt das weiche Viereck nicht.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

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