Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Am Leid verdienen, Milliarden investieren, Putin nicht provozieren und das Private hacken: Josef Joffe über die Themen der Zeit.

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Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".Foto: privat

Flüchtlingsdrama: Was kann man gegen die Schlepper tun?

Mehr von allem: Patrouillenschiffe im Mittelmeer, Polizeiarbeit in den Ausgangsorten und entlang der Balkanrouten. Nur lässt sich mit Menschen mehr verdienen als mit Drogen und Waffen, warnt der Chef der Bundespolizei. Für jeden verhafteten Schleuser kommen zwei neue. Überdies ist gegen die Unmenschlichkeit dieser Verbrecher kein Kraut gewachsen. Sie bleiben im Dunkeln und schicken die Flüchtlinge gnadenlos ins Verderben; die „Gebühren“ haben sie ja schon kassiert. Gebraucht wird eine übernationale Zusammenarbeit, die Nahost, Nordafrika und den Balkan abdeckt. Die zu organisieren ist so dringend wie Unterkunft und Versorgung für Hunderttausende.

Zehn Jahre "Katrina": Hat Amerika daraus gelernt?

Lernt ein Land oder seine Regierung? Die Bundes- oder die Lokalgewalt in New Orleans und in Louisiana? Zum zehnten Jahrestag sprach Obama vom „Versagen des Staates“ ganz allgemein, dann von Armut und Ungleichheit. Letztere lassen sich nur begrenzt vom Staat bewältigen. Arm war New Orleans schon immer. Nur wurde 2005 rasch klar, dass die örtlichen Offiziellen jahrelang die Dämme vernachlässigt hatten und viele Bürger die Evakuation verweigerten. Seitdem hat die US-Regierung 70 Milliarden Dollar in die Stadt investiert, für Schulen, Wiederaufbau und Wasserschutz. Die nächste Jahrhundertflut wird wohl gebändigt werden, aber neuen Wohlstand haben die Milliarden nicht erzeugt. Die Stadt schrumpft; etwa 75.000 Bürger sind weggezogen.

Schuldenerlass für die Ukraine: Geht’s jetzt aufwärts mit dem Land?

Wie denn, wenn es nur um zwanzig Prozent der Gesamtschuld geht? Anders als Athen befindet sich Kiew in einem Krieg, der nicht gerade wachstumsfördernd ist. Frieden sowie Anbindung an den Riesenmarkt der EU wären die Lösung. Just aber Ruhe und Aufschwung will Russland nicht; die Ukraine soll zurück in Moskaus Einflusssphäre. Und die EU will Putin nicht provozieren. Der „Haircut“ ist eine freundliche Geste für Kiew, aber besser als gar nichts.

Ein Wort zu Ashley Madison.

Das ist ein Dating- und Seitensprung-Portal, das Hacker geknackt haben, um die Daten von 30 Millionen Nutzern zu veröffentlichen – mitsamt den E-Mails, in denen die Kundschaft ihre geheimsten Gefühle preisgegeben hatte. Solche Vernichtung der Privatwelt ist der Traum aller Totalitären, ganz ohne Gestapo und KGB. Bloß: Es profitiert nicht der Staat, sondern ein Heer von Scheidungsanwälten und die Regenbogenpresse, die sich am Leiden der Menschen labt. Die Transparenz, die wir angeblich alle wollen, gerät zur Tragödie. Wie viel Unglück haben die Hacker über die Welt gebracht? Und über die Privatsphäre, den Kern des liberalen Staates.
Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Anna Sauerbrey.

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