Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Merkel alleine lassen, Papst Franziskus zujubeln, Deutsche Einheit feiern - "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über Fragen der Zeit.

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Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit". Foto: null
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".Foto: null

Wird die deutsche Willkommenskultur europäische Willkommensleitkultur?

„Europäisch?“ Wir sehen gerade das uneuropäische Phänomen „Hannemann, geh du voran“. So richtig haben will kein EU-Land die neuen Einwanderer, und es wird nicht einfacher. Denn Brüssel will nur 120.000 auf die EU verteilen, während in den Lagern zwischen Türkei und Irak vier Millionen festsitzen. Berlin dreht nunmehr am Asylgesetz. Flüchtlinge sollen in das EU-Land zurück geschickt werden, das sie zuerst betreten haben. Leistungen werden radikal gekürzt. Ungarn wird jetzt den Zaun in beide Richtungen nutzen: Aus dem Osten soll niemand rein, aus dem Westen nicht, wer schon in Österreich oder Deutschland war. Die rüde Realität hat Merkel eingeholt.

Der Papst in Amerika und Kuba: Wo passt er besser hin?

Nach Kuba, natürlich. „Capitalismo no, socialismo si!“ ist just, was der Papst so schätzt. Doch in der Höhle des Raubtierkapitalismus droht ihm ironischerweise Ungemach von hoch-progressiven Menschen. Auf der Gästeliste des Weißen Hauses stehen Transgender-Aktivisten, ein schwuler Bischof und eine Nonne, die sich bei der nationalen Gesundheitsversicherung gegen das röm.-kath. Establishment der USA stellt. Die US-Kurie findet es gar nicht gut, dass „Obamacare“ Verhütung und Abtreibung bezahlt, der Papst gewiss auch nicht. Zujubeln aber werden sie ihm in Amerika wie in Kuba.

Bald ist es soweit: 25 Jahre Deutsche Einheit. Wie lautet Ihre Bilanz?

Blühende Landschaften sind in der Ex-DDR noch nicht entstanden, wurde doch die wettbewerbsunfähige ostdeutsche Wirtschaft durch die Vereinigung platt gemacht. Seitdem hält die Wanderung von Ost nach West an, denn in der Uckermark fehlen die Jobs. Fast drei Millionen waren es allein von 1997 bis 2013. Aber wunderbare neue Autobahnen gibt’s in den fünf Ländern, dazu eine Art „Staatspartei“, die Linke, die dort bis zu drei Mal mehr Stimmen kriegt als in Westdeutschland. Die Bibel hat wie immer Recht: Es dauert vierzig Jahre von Ägypten bis nach Kanaan.

Ein Wort zu Amerikas Republikanern ...

WmdW hat auch immer Recht. Er hat nie an den Trump-Hype geglaubt, sondern „The Donald“ nur als begnadeten Entertainer und Selbstdarsteller gesehen. Aus der Debatte der elf Anwärter am Mittwoch ging er als halber Loser hervor. Gewinner nach Punkten, wähnt WmdW, war Carly Fiorina, dann Marco Rubio, Jeb Bush und Chris Christie. Die drei Männer gehören zum Partei-Establishment, Fiorina ist Außenseiterin. Als solche wird sie es höchstens als Vize-Kandidatin beim Parteitag schaffen. Trump braucht eine neue Frisur.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Malte Lehming

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