Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Wir brauchen die Vereinten Nationen, aber nicht so sehr die aktivistische Plauder-Diplomatie - Josef Joffe über einige Themen dieser Tage.

Josef Joffe
Josef JoffeFoto: TSP

Kerry spricht mit Putin, der mit Assad, und Steinmeier treibt sich im Iran und Saudi-Arabien rum: Bringt das alles was?

Für Diplomaten, vor allem für deutsche gilt: „Wenn du nicht mehr weiter weißt, schaffe einen Plauderkreis.“ Das verwechselt Aktivismus mit Agieren. Wie überredet man einen 15-jährigen Palästinenser, das Messer weg zu legen und in die Schule zu gehen, wenn dessen politische und geistliche Führer täglich zum Mord aufhetzen? Wie Putin überzeugen, Assad fallen zu lassen, wenn der Russlands Dominanz in Nahost gewährleistet? Während Putin mit allen plaudert, schafft seine Luftwaffe Fakten. Und noch mehr Flüchtlinge, wie in der jetzigen Offensive gegen Aleppo. Leider ändern Konferenzen und Kongresse nicht die Machtverhältnisse.

70 Jahre Vereinte Nationen: Wofür brauchen wir die noch?
Es gilt die Binse, dass man die UN erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe. Sie ist ineffizient, manche Agenturen sind korrupt. Sie repräsentiert den kleinsten gemeinsamen Nenner beziehungsweise die Mehrheiten in der Generalversammlung. Sie ist also weder Weltgewissen, noch Weltregierung. Aber sie hilft, wo sie kann – wie die Flüchtlingsorganisation UNHCR. Und sie schafft ein Forum, wo man zumindest an den Rändern nicht bloß Statements austauscht. Nachdem der Völkerbund, der Vorgänger, in den 1930ern zerbrach, wurde er 1944 als UN wieder erfunden. Das zeugt von Funktionalität.

Pegida und AfD: Warum gibt es immer mehr Rechte?

Gibt's tatsächlich „immer mehr“ Rechte? Pegida bringt an die 25 000 Demonstranten zusammen; die AfD ist von vier auf sieben Prozent gestiegen. Das sind nicht die 25 Prozent, welche die „Nationale Front“ in Frankreich seit Jahren kriegt. Aber unter der Lupe der Medien wirkt die Rechte wie die NSDAP um 1930: wie ein wachsendes Monstrum. Deutschland aber bleibt im Vergleich zu den Nachbarn immun; hier hat es noch keine Ganzrechts-Partei in den Bundestag geschafft. Weniger Titelgeschichten, Igitt-Leitartikel und ARD-Specials würden den Ultras die Aufmerksamkeit entziehen, die einen hervorragenden Mobilisierungsfaktor abgibt. Den Rest erledigen gute Polizei- und Verfassungsschutzarbeit.

Ein Wort zu Berlin, das auf Platz 2 im Städteranking gestiegen ist...

Der Spitzenreiter München wird als Standort vor allem als „Wissensmetropole“ gerühmt. Jeder dritte Beschäftigte ist Hochschulabsolvent; die Münchner Unis sind die besten. Von den Alpen, Seen der Schweinshaxe und dem Bier ganz zu schweigen. Für WmdW sind das entscheidende Handicap Berlins die Demos und Staatsbesuche, die die Stadt täglich lahm legen. Halte beide fern, und Berlin wird einen fantastischen Aufschwung erleben. Denn „Stadt“ heißt „Bewegung“, und Bewegung bedeutet Tempo und Wachstum.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Malte Lehming.

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