Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Den Fürsten von Moskau und Istanbul misstrauen, Angst vor Schläfern haben und im Zeichen der Raute frohlocken.

Josef Joffe
Josef JoffeFoto: Tsp

Putin der Krim-Besetzer, Putin, der IS-Bekämpfer: Kann er Gegner und zugleich Partner des Westens sein?
Selbst Stalin war ein Partner des Westens, aber zuvor auch von Hitler. Seine Nachfolger haben trotz schärfster Rivalität mit den USA in der Rüstungskontrolle zusammengearbeitet. In der Spieltheorie sprechen wir von „Mixed Games“, die zugleich antagonistisch und kooperativ sind. Bloß möchte WmdW wissen, ob Putin wirklich den IS bekämpft. Bis jetzt beschießen seine Bomber kaum dessen Positionen; im Visier sind die Anti-Assad-Rebellen. Unser guter Freund Erdogan zieht ein ähnliches Spiel auf: Seine Bombenziele sind die Kurden, die kampfstärkste prowestliche Miliz. Offensichtlich sehen der Kreml-Herrscher und der Sultan von Ankara den IS nicht als Hauptbedrohung.


In den USA wächst der Widerstand gegen Flüchtlinge. Was ist aus dem „Melting Pot“ geworden?
Der köchelt wie seit 200 Jahren. Jährlich nimmt Amerika eine Million legaler und so eine halbe Million illegaler Einwanderer auf (geschätzt, weil sich die Illegalen logischerweise nicht zählen lassen.) Auf D runtergerechnet wären das 400 000 pro Jahr, eine erkleckliche Zahl. Die Amis zieren sich also nicht, aber sie fürchten zu Recht „Schläfer“ unter den Flüchtlingen. Anderseits wären sie besser als die Europäer in der Lage, die Flüchtlinge in den Flughäfen zu überprüfen. Schrottschiffe schaffen den Atlantik nicht; auf dem Landweg müssten die Flüchtlinge erst mal Mexiko und Kanada überwinden, Länder, die auch genau hingucken, wer kommt.


Zehn Jahre Merkel: Wie ist die Bilanz?
Zehn Jahre sprechen erst mal für sich. Nur Adenauer (13) und Kohl (16) waren besser. Heute aber hat die Kanzlerin den feinen Touch für Fährnisse verloren, der ihr Leben im Amt schier endlos verlängert hat. Doch sie kann sich immer noch drehen. Es sei denn, sie will die totale Machtprobe mit der Partei, was ein Novum wäre. Auch Nicht-Fans müssen sagen, dass es dem Land im Zeichen der Raute sehr gut gegangen ist. Und dass die Bewunderung des Auslands für Angela I. ungebrochen ist. Kein Wunder angesichts der schwachen Konkurrenz.


Ein (letztes) Wort zu den Geheimdiensten ...
Die sind wie die Bulldogge im Haus. Manchmal stinkt sie, manchmal frisst sie zu viel. Aber der gute Hund schlägt an, wenn sich draußen die Gefahr nähert (oder im Keller eine fremde Katze schleicht). Er ist also unverzichtbar, gerade jetzt, da nicht ratternde Panzerarmeen dräuen, sondern unsichtbare Terroristen und stumme Digital-Angreifer. Der demokratische Gesetzgeber muss aber aufpassen, dass die Leine nicht zu lang wird und das nützliche Tier nicht die eigene Familie anknurrt.


Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clk

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