Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Aus dem Horror in Köln lernen, Putin benutzen und Hitler lesen - können.

von
Josef Joffe.
Josef Joffe.Foto: Tsp

Nun geht in Europa das Wort von den „Kölner Verhältnissen“ um. Bleibt Deutschland endgültig mit den Flüchtlingen allein?
Köln beweist nur, dass die Polizei auf eine solche Horrorshow nicht vorbereitet war, demnach desorganisiert reagiert hat. Daraus wird die uniformierte Staatsmacht einiges lernen. Deutschland allein zu Haus? Zumindest riegeln die Skandinavier ihre Grenzen ab, unsere südöstlichen Nachbarn tun es auch. Solange die Grenze zu Österreich und dessen Grenzen zu Ex-Jugoslawien offen bleiben, wird das reiche, großzügige Deutschland das Gelobte Land nicht nur für Syrer, sondern auch für alle anderen bleiben, die ein besseres Leben wollen. Die Logik von Schengenland besagt: Wer den Zustrom regulieren will, muss es an den Außengrenzen tun.

In China schmieren die Börsenkurse ab. Ist das Land doch nicht so stark, wie viele dachten?
Der Hype der frühen 2000er war schwer zu ertragen für Leute, die sich etwas kundig gemacht hatten. 15 Prozent Wachstum, siehe auch die kleinen asiatischen „Drachen“, ist am Anfang immer einfach. Jetzt hat sich das Tempo mehr als halbiert. Maos Erben leiden an den klassischen Gebrechen eines autoritären Wirtschaftsmodells, das auf Konsumverzicht und Überinvestition beruht – und wo die Partei die „Kommandohöhen der Wirtschaft“ (Lenin) besetzt hält. Das dicke Ende kommt noch: die rasante Überalterung und, seit 2015, die stete Schrumpfung der arbeitsfähigen Bevölkerung.

Barack Obama hält am Dienstag seine letzte Rede an die Nation: Was soll er ihr sagen?
WmdW wird ihm doch seine Rede nicht vorschreiben. Er kann sich aber vorstellen, was Obama sagen könnte: dass er so gut wie alles richtig gemacht habe, seine Misserfolge allein den Republikanern oder Putin anzukreiden seien, dass er den US-Wohlfahrtsstaat in lichte Höhen transportiert, Militärmacht nur streng rationiert eingesetzt habe. Denn: Das letzte Jahr ist der Arbeit am eigenen Denkmal gewidmet, zumal seine Macht täglich schwindet. Erst die Zukunft wird zeigen, ob O. im Urteil der Nation als Lichtfigur oder Versager erscheint.

Ein letztes Wort zu „Mein Kampf“...
WmdW hat das Ding vor langer Zeit im Bücherschrank eines älteren Herren entdeckt. Er erinnert sich, insofern überrascht worden zu sein, als es ziemlich faktenreich und flüssig geschrieben war – von der demagogischen Potenz ganz zu schweigen. Merke: Die großen Schurken entlarvt man nicht, indem man sie für doof oder verrückt erklärt – ein schwerer Fehler, der die hiesigen Urteile über „Mein Kampf“ gefärbt hat. Es war Zeit, das Buch öffentlich zu machen. Wenn wir frei die Hass- und Vernichtungsliteratur der Islamisten lesen können, wird uns (hoffentlich) auch Adolf H. nicht den Kopf verdrehen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

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