Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Frankreichs Niedergang betrachten, den Briten die EU schmackhaft machen und an Hillary Clinton glauben.

von
Josef Joffe
Josef JoffeFoto: Tsp

Hollande wandelt sich vom Sozialisten zum Sozialdemokraten. Rettet ihn das?

Es gibt keine Sozialisten in Frankreich. Die wollten einst Schlüsselindustrien wie Banken, Stahl, Kohle und Transport verstaatlichen. Der Letzte, der’s probiert hat, war Mitterrand 1981, der allerlei nationalisiert, Steuern wie Sozialausgaben hochgejagt hat. Zwei Jahre später, nach Arbeitslosigkeit, Kapitalflucht und Abwertung, die Kehrtwende. Leider bleibt Frankreich reformunfähig, wie die Wut der Gewerkschaften zeigt. Und noch mehr die der Studenten, die ausgerechnet jene neue Regeln bekämpfen, die den Jungen mehr Chancen in einem sklerotischen Arbeitsmarkt verschaffen sollen. Hollande wird die nächste Wahl verlieren.

Libyen versinkt im Chaos. War der Sturz Gaddafis doch keine so gute Idee?

Richtig. Wir hätten Gewaltherrscher wie Saddam und Gaddafi nie entmachten dürfen – und Assad mit aller Kraft beschützen sollen. Wir sollten stets Diktatoren stützen, weil Macht gleich Ruhe ist – Friedhofsruhe. Zu dumm, dass die Unterdrückung nicht dauerhaft funktioniert, weil sie sich immer mehr Feinde schafft und deshalb immer gewalttätiger wird – bis zur Explosion wie in Syrien und Libyen. Allerdings: Wer eingreift, muss da bleiben, bis eine halbwegs stabile Ordnung etabliert ist. Das will der Westen nicht. Bombardieren ist einfacher und geht viel schneller als reformieren.

Wenn die Briten für den Brexit votieren, naht dann das Ende Europas?

Erst mal passiert gar nichts, bis auf den Absturz des Pfunds und der Aktien. Dann jahrelange Verhandlungen über den Scheidungsvertrag. Plus ein neues Schottlandreferendum, das die Abspaltung vom Vereinigten Königreich bejaht. Dann großer Katzenjammer und eine zweite Abstimmung: Wir bleiben doch! So war’s in Holland und Frankreich, die im ersten Referendum die EU-Verfassung ablehnten, im zweiten befürworteten. Votieren die Briten abermals für den Brexit, wird die EU nicht florieren. Dann würden allerlei Mitglieder eine Extrawurst fordern, geriete die „immer engere Union“ zur Utopie. Es wäre gut, wenn die EUler den Briten den Verbleib so schmackhaft wie nur möglich machten.

Ein letztes Wort zu Amerika …

Trump kann nicht gewinnen, richtig? Erstens ist Clintons Vorsprung von zehn auf sechs Punkte geschrumpft. Andere Umfragen registrieren nur noch vier Punkte. Stellen wir uns zweitens vor, das FBI empfiehlt Anklage gegen Clinton wg. Geheimnisverrat und die Justiz erhebt sie; dann wird’s bitter für Mrs. C. Aber nein, nein, es wird nicht sein, was nicht sein darf.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt gerade in Stanford. Fragen: mos.

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