Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über das Massaker von Orlando, den Mord an Jo Cox und - bestimmt nicht das letzte Mal - über Donald Trump.

von
Josef Joffe
Josef JoffeFoto: Tsp

Fünfzig Tote bei einem Massaker in Orlando: Was erklärt die Tat?

Wenn wir das wüssten, könnten wir sie verhindern. Leider sind die „einsamen Wölfe“ so schwer zu fassen, weil sie allein handeln und im Vorlauf keine Spuren hinterlassen. Erst nach der Tat erkennt man die vielen Warnsignale, die Omar Mateen ausgesandt hatte. Die Sicherheitskräfte müssen nach Orlando, San Bernardino und Brüssel eine neue Perspektive entwickeln. Bislang galt: Am Anfang der Kausalkette steht die Organisation – IS oder Qaida –, die den Killer gezielt im islamischen Milieu durch Indoktrination und Gehirnwäsche rekrutiert. Der neue Terror rekrutiert sich selber. Getrieben von pathologischem Hass auf Minderheiten oder auf die Gesellschaft, sucht sich der Wolf das passende Rudel. Wer ist das „beste“? Die Islamisten, die eine Heimat und eine alles erlaubende Rechtfertigung bieten. Nicht die Killer-Ideologie sucht sich den Täter, sondern umgekehrt.

Mord an Jo Cox: Hat das Auswirkungen auf das Brexit-Referendum?

Kurzfristig auf jeden Fall, hatten doch beide Seiten den Krieg zunächst unterbrochen. Das könnte die Brexisten stärken, weil Cameron und EU-Befürworter nun noch weniger Zeit haben, den Trend zu drehen. Anderseits: Wenn der Schock bis Donnerstag anhält, profitiert die Regierung. In Zeichen der höchsten Verunsicherung werden die Leute nicht für einen Brexit stimmen, der noch mehr Risiko in ihr Leben bringt. Krisen sind immer gut für die Staatsmacht.

Sind Algerien, Tunesien und Marokko sichere Herkunftsstaaten?

Für Freunde des Multikulti („D muss bunter werden“) bestimmt nicht. Nur lassen sich diese drei mit dem täglichen Gemetzel in Syrien (oder Nigeria) nicht vergleichen. In Algerien herrscht nach dem Bürgerkrieg (1991–2002) Ruhe; der Notstand wurde 2011 aufgehoben. Tunesien ist das einzige Land, wo der „Frühling“ fortlebt. Marokko bleibt autoritär, ist aber kein Killer-Staat. Wer meint, dass Deutschlands Aufnahmefähigkeit begrenzt ist, sollte unterscheiden zwischen dem unsäglichen Horror in Syrien und den Vorwürfen, die man den Maghreb-Staaten machen kann – und hundert anderen Ländern mit dazu.

Ein (sicher nicht letztes) Wort zu Donald Trump...

Der fällt in den Meinungsumfragen plötzlich zurück – zwischen sechs und zwölf Punkten hinter Clinton. Zwei Drittel halten ihn für „ungeeignet“ als Präsidenten. Aber aufgepasst: Trump ist schlauer und noch geschmeidiger als Clinton. Auf einmal gibt er den Freund der Schwulen. Demnächst wird er sich an die Schwarzen heranmachen, etwa so: Ihr seid doch die ersten Opfer von Billigimporten und Billigarbeitern aus Mexiko und Mittelamerika, WmdW glaubt trotzdem nicht, dass Trump es ins Weiße Haus schafft.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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