Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über die Schüsse in Dallas, die Stärke der Nato, das Chaos nach dem Brexit-Referendum und die EM-Niederlage der Deutschen.

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Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: Tsp

Anschlag auf Polizisten in Dallas: Was ist los in Amerika?

Einzeltaten – der Polizistenmord, davor die Quasi-Exekution zweier Schwarzer – ergeben keine Anklage gegen 320 Millionen Amerikaner. Obama hat richtig reagiert: „Es gibt keinerlei Rechtfertigung für solche Angriffe gegen die Polizei. Jeder, der an diesen sinnlosen Morden beteiligt war, wird zur Rechenschaft gezogen. Gerechtigkeit wird obsiegen.“ Gleiches gilt für die schwarzen Opfer. Gerechtigkeit heißt: präzise Untersuchung, ein fairer Prozess, wie ihn die US-Verfassung verlangt und die hohe öffentliche Aufmerksamkeit garantiert. Vorbei sind die Zeiten, als derlei Horror unter dem Teppich verschwand.

Nato-Gipfel: Wie stark ist die Allianz?

Auf dem Papier viel stärker als Russland, summiert man Mannschaften, Ausrüstung und Atomwaffen. Europa und Amerika machen zusammen die Hälfte der Weltwirtschaftsleistung aus. Aber willenspolitisch sind die vielen nicht unbedingt stärker als der eine. Obama hält sich irgendwie raus, die Briten sind fast draußen, Frankreich gewinnt derzeit nur im Fußball. Merkel ist wieder mal so stark, weil die anderen so schwach sind. Doch muss sie eine rot-rote Fronde abwehren, welche die Nato, nicht Putin als Aggressor verteufelt. Machtpolitik wird nicht durch Wegducken besänftigt.

Wo herrscht das größere Chaos nach dem Brexit: in London oder in Brüssel?

„Keep calm and carry on“ – cool bleiben und weitermachen – ist schwer, wenn Premier Cameron und die Brexisten Boris Johnson und Nigel Farage sagen: „Ich bin jetzt mal weg.“ Brüssel gibt den aufgescheuchten Hühnerstall. Kommissionschef Junckers gackert: Weiter so, nur schneller! Parlamentspräsident Schulz kräht: Her mit einer „echten europäischen Regierung!“ Also dass Wasser künftig bergauf fließe. Jetzt bleibt nur noch die Stallchefin Merkel. Ihren Regierungsstil muss sie der EU überstülpen: den Wind prüfen, die Untiefen ausloten. Und die Briten raten: Abwarten und Tee trinken. Bloß nicht überhastet die Guillotine des Austrittsartikels 50 auslösen.

Ein letztes Wort zur EM …

WmdW hat sich nicht über die Niederlage der Löwis gegen die gallischen Hähne gefreut, aber doch über die Kalauer der voreiligen „Bild“ vor der nationalen Schmach: „La vie en raus“, „Tortour de France“, „Rien ne va bleu“. Falsch, aber witzig. Und gewagt, weil der normale „Bild“-Leser nicht so firm in Französisch ist. Ansonsten wird das 2:0 viele Besinnungsaufsätze inspirieren: „Fügung oder Schicksal?“, „Jogi denkt, Gott lenkt“, „Der Ball ist rund, aber nicht gerecht“, „Wer singt, gewinnt: Die Marseillaise als Kraftverstärker im Kampf der Titanen“. Schließlich: „Erläutern Sie: Was bedeutet Morgen ist ein neuer Tag?“

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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