Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Zeit-Herausgeber Josef Joffe sieht keine Chance mehr für Ceta und TTIP, schätzt Bayerns Berge und freundet sich mit der literarischen Kurzform an.

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Josef Joffe.
Josef Joffe.Foto: Tsp

Alain Juppé, 71, ist der neue Hoffnungsträger in Frankreich. Die richtige Waffe gegen Marine Le Pen?

Old is beautiful – siehe Trump und Clinton, die ebenso betagt sind. Die französischen Republikaner haben ein ähnliches Problem wie die amerikanischen: zu viele Kandidaten, sieben. Das verspricht ein unterhaltsames Zerfleischungs-Drama. Bloß werden die Sozialisten, anders als die Clinton-Demokraten, davon nicht profitieren. Denn Hollande ist der unbeliebteste Präsident aller Zeiten. Das Rennen wird zwischen Le Pen und dem Republikaner X ablaufen, wahrscheinlich Juppé. Mag sein, dass Le Pen in der ersten Runde gewinnt. In der zweiten werden sich wie immer die Wähler der Etablierten auf die Seite des Republikaners schlagen.

Das Bundesverfassungsgericht hat das Ceta-Abkommen unter Auflagen weitergewinkt. Rückenwind auch für TTIP?

Weitergewinkt bis zu den nächsten 42 Hürden, den nationalen Parlamenten und Regionen. Machen wir uns nichts vor. Von Stockholm bis San Francisco gilt der Freihandel als spätkapitalistisches Teufelswerk, und wenn Ceta fällt, wird TTIP  erst recht scheitern. Denn die Kanadier sind brave Sozialdemokraten, die Amis „Raubtierkapitalisten“. Dass der Freihandel der Welt, zumal der Dritten, unglaubliches Wachstum verschafft und das Realeinkommen gerade der Ärmeren im Westen (durch billige Importe) erhöht hat, zählt nicht angesichts faktenresistenter Ängste. Wenn das Chlorhühnchen flattert, gehen überall die Mauern hoch – auch in Amerika, ob unter Trump oder Clinton.

Thailands König Bhumibol ist tot. Müssen die Deutschen um ihre Lieblingsreisedestination bangen?

Da ist immer noch das sonnige Sizilien, wo bloß die Mafia droht. Aber langsam wird’s kritisch. Ägypten ist out, Nordafrika auch – zu viel Terror. Die Seychellen gehen demnächst im Global Warming unter. Indes bleibt immer Malle, das 17. Bundesland, wo die Sonne scheint und nur deutsch gesprochen wird. Dazu Bayern, um das uns die Welt beneidet. Mit seinen Bergen, Seen und seiner höchst ergötzlichen Politik, die man auch im Regen genießen kann.

Ein letztes Wort zum Nobelpreis für Bob Dylan...

Dylan ist die Opa-Ikone meiner Generation, die “Blowin’ in the Wind” im Schlaf nachsingen kann. Anderseits kündet Dylans “spezifische Mündlichkeit”, welche die FAZ preist, wieder mal vom Untergang des Abendlandes, das bekanntlich auf dem geschriebenen Wort basiert. Literatur hat mit Lesen zu tun, nicht mit der Klampfe. Lesen ist tough, Pop hören ist easy.  Liegt der Nobel-Ausschuss wieder mal daneben, nachdem er Philip Roth, James Joyce oder George Orwell ignoriert hat? Nein, er weist den Weg in eine Zukunft, wo die literarische Kurzform obsiegen wird: SMS, Twitter und der Drei-Minuten-Song.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Die Fragen stellte ihm Ariane Bemmer.

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