Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Für "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe ist Donald Trump der erste Punkrock-Präsident und neigt die Börse zum Wahn.

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Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: Tsp

Donald Trump ist der 45. US-Präsident – eine Revolution?

Ja, aber anders als Sie denken. Er ist der erste Punkrock-Präsident, sozusagen Sid Vicious von den Sex Pistols, der „Idid it my way“ auf seine Weise runtergehämmert hat. Donald Trump hat eine revolutionäre Kunstform erfunden. Er hat jede Gruppe angemacht, die man nicht attackieren darf: Frauen, Muslime, Behinderte, Latinos... Und dennoch hat Clinton im Vergleich zu Obama 2012 bei den Frauen einen Punkt, den Schwarzen fünf Punkte und den Hispanics sechs eingebüßt. Bei den Latinos hat „Sid“ Trump zwei Punkte zugelegt. Punk heißt: „Was kümmern mich eure Konventionen und Korrektheiten?“ Trump hat jeden Lehrbuch-Fehler gemacht. Und gewonnen.

Die Wall Street schoss am Vortag der Wahl nach oben, weil sie Clintons Sieg vor-feierte. Nach Trump erklomm der Dow Jones aber den historischen Höchststand. Wie schlau ist das Finanzkapital?

Vor allem neigt die „elektronische Herde“ mit all ihren cleveren Logarithmen zum Massenwahn. Bei Hillary Clinton setzte sie auf deren unverbrüchliche Freundschaft zu Goldman Sachs und so weiter. Von Trump erhofft sie Steuersenkung und Deregulierung der Märkte. So oder so – gut fürs Geschäft. Wobei die Finanzakrobaten vergessen haben, dass Trump als guter Populist den Hedgefonds an die Wäsche gehen und das Defizit hochjagen will.

Hierzulande geistert die Vorstellung durch die Medien, dass Amerika ausgezählt sei und die Ordnungsmacht Europa die Welt retten müsse. Alles wird gut?

Der tabuisierte Germano-Nationalismus hat sich immer in die EU-Flagge gehüllt. Die wärmt aber nicht. Abgesehen davon, dass die EU trotz ihres märchenhaften Reichtums keine strategische Rolle übernehmen kann und will, wird sie mit ihren eigenen Krisen nicht fertig: Flüchtlinge, Brexit, Stagnation und Euro-Dauerdebakel (jetzt steht Italien auf der Kippe). Die Welt glaubte einst, Angela I. könne die Führung übernehmen. Es zeigt sich aber wie so oft in der Geschichte, dass Deutschland nicht stark genug ist, um Europas Schicksal zu steuern. Und Europa das in Wahrheit auch nicht will.

Ein letztes Wort zu den Auguren, die nach dem Brexit nun wieder falsch lagen...

Auch in Israel 2015, wo die Umfragen Netanjahus Niederlage voraussagten. Stattdessen bekam er eine vierte Amtszeit. Die Gründe sind vielfältig. Viele Wähler entscheiden sich erst in der Wahlkabine. Klassische Telefon-Umfragen funktionieren nicht, weil die Leute auf Handys umsteigen, deren Nummern aber nicht publik sind; zu Hause bleiben Rentner und Hausfrauen, nicht Studenten oder Erwerbstätige. Bei Brexit und Trump kommt hinzu: Die Leute wollen sich nicht als unkorrekt outen und sagen: „Ich weiß noch nicht.“ Die Demoskopen fischen im Trüben.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".

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