Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe spekuliert über den Umgang mit Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump sowie die Zukunft von Matteo Renzi und Martin Schulz.

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Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Foto: Tsp
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: Tsp

Erdogan droht damit, die Grenzen für Flüchtlinge wieder zu öffnen: Wie ernst muss man das nehmen?

Und den wollen wir in der EU? Einen Erpresser, der die ganz große Keule schwingt, weil ihm die nicht-bindende Resolution des Europaparlaments nicht passt, die Verhandlungen einzufrieren? Um seinen Zynismus zu toppen, könnte die EU die griechisch-türkische Grenze so abriegeln, wie Mazedonien die Balkanroute. Das wird nicht nötig sein, weil Erdogan ein eitler Kerl ist. Die EU-Großen werden ihn besänftigen: "War ja bloß dieses Parlament, das keine Politik machen kann. Hier sind noch ein paar Milliarden, und wir verhandeln weiter." (im Off: "Bis zum St. Nimmerleinstag.")

Seehofer lädt Trump zur Münchner Sicherheitskonferenz ein. Und der lehrt alle das Fürchten?

Trump wird Mitte Februar dringendere Termine haben, muss er doch 1200 Top-Positionen in seiner Regierung besetzen, die der Kongress absegnen muss. Das dauert erfahrungsgemäß bis in den Frühsommer. Sein Wochenende will er sowieso im Trump Tower in New York verbringen – weit weg von den antiken Möbeln im Weißen Haus und dem prüfenden Blick der großen Vorgänger an den Wänden. Wahrscheinlich wird er Mike Pence schicken, denn die Hauptfunktion eines Vize ist es, einfach nur da zu sein, falls den Chef der Tod ereilt. Allenfalls würde Trump kommen, wenn sein Buddy Wladimir auch einfliegt.

Italien stimmt am Sonntag über eine neue Verfassung ab. Das nächste Beben in Europa?

Es geht um die Entmachtung des Senats als zweite Kammer, damit Gesetze nicht hin und her gespielt werden und ins Aus fallen. Premier Renzi macht "Brexit": Verliert er das Referendum, wird er wie Cameron den Job hinschmeißen. Dann kommt die 65. Regierung seit 1945. Vielleicht unter dem Komödianten Beppe Grillo, dessen populistische "Fünf Sterne" in den Umfragen nur knapp hinter Renzis Demokraten liegt. WmdW hält das Referendum für ein Ablenkungsmanöver. Renzi hätte seine ganze Kraft in echte Reformen stecken müssen, damit der Pleite-Staat Italien nicht zum zweiten Griechenland verkommt.

Ein letztes Wort zu Martin Schulz...

Der Mann, der seinen ewigen Job als EU- Parlamentspräsident verliert, hat Höheres im Sinn als den ersten Platz auf der NRW-Landesliste. Mindestens Außenminister, am besten Kanzlerkandidat, wozu er freilich seinen guten Freund Gabriel wegkegeln müsste. Manchmal sind die Sozen sehr brutal zu ihren glücklosen Chefs – siehe Scharping bis Beck. Anderseits hätte die Zwanzig-Prozent-Partei sowieso keine Chance, nicht mit GanzRot und Grün. Merkel winken drei Optionen: Schwarz-Grün, Jamaika und GroKo. In diesem kalten Licht muss der AA-Anwärter die GroKo favorisieren, und Gabriel bleibt Vizekanzler forever.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Die Frage stellte Fabian Leber.

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