Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Jeden Montag beantwortet "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe vier Fragen zur Außenpolitik. Heute über Afghanistan, Russland, Nahost und den deutschen Außenminister.

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"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Bei der Wahl in Afghanistan am Donnerstag setzt der Westen auf Hamid Karsai. Ist er der richtige Mann?



Und wer wäre richtiger? Adenauer sagte einst zu einem Minister, der sich über die Kollegen beschwerte: „Sie müssen die Leute so nehmen wie sie sind, es gibt keine anderen.“ Karsai ist weder besonders charismatisch noch integer. Leider aber ist das auch seine größte Stärke in einem Land, das keines ist, sondern ein Konglomerat von Völkern, Stämmen und Regionen. Er hat sich geschickt der Unterstützung wichtiger Warlords versichert und auch einen radikalen Islamisten in sein Team geholt. Das ärgert den Westen, von dem Karsais Überleben abhängt. Aber auch der denkt wie Adenauer: „Es gibt keinen Anderen.“ WmdW meint, dass Karsai keine absolute Mehrheit bekommen wird, sich aber in der Stichwahl im Oktober durchsetzt.

Kanzlerin Merkel traf Russlands Präsidenten Medwedew in Sotschi. Sie sagt über ihn, er nehme Menschenrechtsfragen ernst. Tut er das?

Er hat das bestimmt sehr treuherzig zu ihr gesagt. Der Routinemord an Menschenrechtlern (nebst Null-Aufklärungsquote) spricht allerdings eine andere Sprache. Wir müssen uns damit abfinden, dass Russland nur dem Namen nach eine Demokratie ist, in Wahrheit aber ein System, das zwar nicht totalitär, aber doch brutaler und effizienter ist, als es das Zarenreich war. Mit einem solchen Land schließt man Geschäfte, aber keine Freundschaft. Dass Medwedew überhaupt Präsident ist, zeigt, wie tief der Putinismus verwurzelt ist – Putin wird an der Spitze gar nicht mehr gebraucht; es reicht ihm der Premier-Job.

Der inhaftierte Marwan Barguti wurde in das Zentralkomitee der Fatah gewählt. Soll Israel ihn jetzt freilassen?

Die ganz Alten unter uns erinnern sich vielleicht an Karl Radek, den Komintern-Revoluzzer, der 1919 im Knast Moabit einen Salon unterhielt, wo ihm Berliner Größen (auch Rathenau) die Ehre erwiesen. Barguti unterhält keinen Salon, aber die besten Kontakte zur israelischen Regierung wie zur Fatah. Deshalb muss er nicht freigelassen werden. Überdies haben noch zwei andere Palis mitzureden: Präsident Abbas und Premier Fayat, die vorbestimmten Opfer einer Barguti-Machtergreifung. Die beiden sind sicher nicht unglücklich mit dem Status quo.

Ein Wort zum deutschen Außenminister

Der hat nach den letzten Umfragen nur noch eine Chance auf seinen alten Job: eine „kleine Koalition“ mit der SPD als Juniorpartner, und dies, weil es für CDU/CSU+FDP nicht reicht oder die siegestrunkene FDP so nervt, dass Merkel doch lieber mit dem alten Partner ins Koalitionsbett geht.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: fal

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