Politik : Vier Fragen an Josef Joffe: Was macht die Welt?

Wird die verworrene Wahlsituation in den USA die D

Wird die verworrene Wahlsituation in den USA die Demokratie dort stärken oder schwächen?

Schwächen? Die amerikanische Demokratie lebt seit 213 Jahren mit derselben Verfassung, derweil in Europa deren Hunderte zerfetzt und zertrampelt worden sind. Es gab auch schon Schlimmeres: Im 19. Jahrhundert mussten drei Präsidenten wegen eines Patts vom Repräsentantenhaus entschieden werden. Präsidenten mit weniger Wähler- als Wahlmännerstimmen gab es auch. "Unregelmäßigkeiten" wie jetzt in Florida? Unvergessen bleibt der legendäre Bürgermeister von Chicago, Bill Daley, der Vater von Gores Wahlkampfmanager, der in einem ähnlich knappen Wahlgang 1960 für Kennedy die Wahl "gestohlen" haben mag. Seine Devise: "Wählt frühzeitig und häufig." Und: "Lasst die Toten von den Gräbern auferstehen" - als Wähler.

Der Euro fällt trotz EZB-Interventionen und trotz US-Wahlkrimi. Was haben die Devisenhändler nur gegen unsere Währung?

Nichts, sie mögen zur Zeit bloß den Dollar lieber. Man muss sich eine Währung nicht nur als Zahlungsmittel, sondern wie die Aktie eines Landes vorstellen - als ein Papier, das künftige Rendite-Erwartungen misst. Die Händler - das sind übrigens auch du und ich - glauben, dass mittelfristig eben mehr in den USA zu holen ist, weil die Wirtschaftsreformen im Euro-Block - Steuersenkung, Marktliberalisierung - zu zögerlich voranschreiten und so die Renditen im Euro-Block schmälern. Sie kennen auch die Probleme einer Währung, die mit Wim Duisenberg und nicht mit Alan Greenspan funktionieren muss, also ohne einen gemeinsamen politischen Willen und ohne massive Interventionsfähigkeit. Denn die ganz große Reserven-Munition liegt in den elf nationalen Zentralbanken.

Der deutsch-französische Gipfel beschäftigt sich mit Atomtransporten. Gibt es keine ernsteren Probleme mehr zwischen unseren Ländern?

Natürlich, bloß sind die schwerer als selbst ein Zig-Tonnen-Castor. Die Franzosen bremsen bei der Osterweiterung und wünschen keine neue Machtverteilung in der EU, welche die größere Bevölkerung Deutschlands widerspiegelt. Wer aber im Tandem fährt, muss sich an das Tempo halten, das der Bremser vorgibt. Folglich wendet man sich scheinbar einfacheren Problemen zu, derweil man hinter den Kulissen am Kuhhandel bei den dicken Klötzen feilt. So ist das mit Europa. Man zerrt eine Kuh nach der anderen vom Eis und hofft, dass sie nicht BSE-verseucht ist.

Ein Wort zum deutschen Außenminister...

Schade, dass ein "Aufstand der Aufrechten" einfacher zu organisieren ist als die Ost-Erweiterung. Derweil Fischer von der "Finalität" Europas plaudert, gibt die EU-Kommission einen Bericht heraus, der den Kandidaten zwischen den Zeilen sagt: Eile mit Weile, Ihr seid noch nicht so weit. 2005 ist jetzt realistischer als das bisher verheißene 2003. Indes: Auch wenn die Deutschen andauernd beteuern, dass sie keine nationalen, sondern nur noch europäische Interessen kennen, ist es doch ein zentrales Anliegen, dass Polen usw. dabei sind. Denn Deutschland will nicht das östlichste Mitglied der EU sein. "Finalität" muss heißen: Mindestens bis nach Weißrussland.

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