Politik : Vier Kinder leben monatelang allein

Mutter zog zu ihrem Freund – und die Geschwister regelten ihren Alltag in Berlin selbst

Tanja Buntrock,Ralf Schönball

Berlin - In einem ungewöhnlich drastischen Fall von Kindesvernachlässigung ermittelt die Berliner Polizei. In einer völlig verdreckten und heruntergekommenen Wohnung in Prenzlauer Berg entdeckten Beamte am Donnerstag vier Kinder im Alter von 12, 11, 9 und 8 Jahren. Wie sich herausstellte, mussten sich die Geschwister seit einem Dreivierteljahr alleine versorgen, da die Mutter offenbar seit Sommer 2006 bei ihrem Freund lebt. Die Kinder wurden in die Obhut des Jugendamtes gegeben.

Als „ekelerregend“ bezeichneten Ermittler den Zustand der Vierzimmerwohnung. Meterlange Spinnweben zogen sich durch alle Räume. Im Kühlschrank befanden sich laut Polizei „eine undefinierbare, verfaulte Masse sowie lebende und tote Fliegen“, hieß es. Das schmutzige Geschirr stapelte sich in der Küche, die Toilette war mit Kot bedeckt. Auf dem Fußboden in der Wohnung befanden sich Müll, Essensreste und schmutzige Wäsche. Eines der Zimmer konnte kaum geöffnet werden, da sich hinter der Tür meterhoch Müll und Unrat stapelte. Als die Polizisten in die Wohnung kamen, war die Mutter, eine 46 Jahre alte, arbeitslose Deutsche, nicht zu Hause. Der Vater der Kinder lebt nach Angaben der Polizei bereits seit langem nicht mehr bei der Familie. Gegen die Mutter wird wegen Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt. Diese besonders krasse Verletzung der Fürsorgepflicht ist angesichts des dramatischen Anstiegs ähnlicher Fälle alarmierend: 582 Anzeigen erstattete die Polizei 2006, fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor.

Zu dem Einsatz war es gekommen, weil der Zwölfjährige Mitarbeitern des Jugendamtes von den Zuständen in der Wohnung berichtet hatte. Am vergangenen Donnerstag sollte es ein Treffen zwischen Sozialarbeitern des Amtes und der Mutter geben. Da die Mutter zu dem Termin nicht erschien, befragten die Sozialarbeiter den ältesten Sohn. Der sagte, er fühle sich völlig überfordert. Es sei ihm peinlich, wie die Wohnung aussehe. Die verheerenden Verhältnisse sind bislang offenbar weder den Lehrern der Kinder noch den Mitarbeitern des Jugendamtes aufgefallen – obwohl die Familie der Behörde seit dem Jahr 1998 bekannt ist.

Die Kinder seien „hochkompetent“ darin gewesen, sich ein „eigenes Familiensystem aufzubauen, so dass niemand etwas bemerkt“, sagte Jugendamtsleiterin Judith Pfennig. Alle vier Geschwister hätten sich für die Mutter verantwortlich gefühlt. Die Verwahrlosung sei den Kindern äußerlich nicht anzusehen gewesen. „Die Kinder fühlen sich jetzt richtig schlecht, weil sie wissen, dass ihre Mutter nun Probleme bekommt“, sagte Pfennig.

Eine Kommissarin des zuständigen Dezernats beim Landeskriminalamt berichtete, die Mutter habe den Kindern „in regelmäßigen Abständen Geld hinterlassen“. Nach Tagesspiegel-Informationen hat die Mutter bis vor kurzem von Arbeitslosengeld II gelebt, doch das ist ihr wegen mangelnder Kooperation gestrichen worden. Wovon sie anschließend gelebt hat, ist unklar. Am Freitag nahm die Mutter von allein Kontakt mit den Behörden auf. Es werde geprüft, was mit den Kindern künftig passiert, sagte Jugendamtsleiterin Pfennig. „In den Zuständen, wie sie jetzt herrschen, können die Kinder nicht leben“, sagte sie. Sollte die Mutter bereit sein, mit dem Jugendamt zu kooperieren, könnten die Kinder wieder zu ihr zurückkehren. Gebe es jedoch Anzeichen dafür, dass die Mutter dazu nicht bereit ist, sei ein Sorgerechtsentzug das letzte Mittel.

Seite 7

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar