Politik : Vierzehn Paare ringen um ein Kind

Gregor Haake

Eine Adoption - für verzweifelte Paare oft der letzte Ausweg aus der Kinderlosigkeit. Zahlreiche Vermittlungsstellen und seit einigen Jahren das Internet helfen bei der Suche nach dem passenden Baby. In Deutschland gibt es allein 650 staatliche und 100 freie Träger für Adoptionen. "Trotzdem geht eine Vermittlung nicht so schnell, wie viele sich das wünschen", sagt Maria Holz vom Kinderschutzwerk Terre des Hommes. Denn die Aufgabe der Vermittlungsstellen sei es zunächst einmal auf die Belange des Kindes achten und nicht auf die der Adoptiveltern.

Trotzdem wurden nach neuesten Erhebungen im Jahr 2000 fast 6400 Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland adoptiert. Dies sei geringfügig weniger als im Vorjahr, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mit. Zu zwei Dritteln seien dies Adoptionen von Verwandten oder Stiefeltern. Mehr als 1900 Kinder kamen aus dem Ausland, davon jedes Dritte aus dem asiatischen Raum, teilten die Statistiker mit.

In Berlin und Brandenburg ist die Zahl der Adoptionen vergleichsweise niedrig. Nach aktuellen Schätzungen sind in beiden Bundesländern nur etwa 250 Kinder vermittelt worden. Doch die Zahlen trügen. Wenn es nach deutschen Eltern ginge, würden weitaus mehr Kinder adoptiert werden. So rangeln sich in Deutschland 14 Eltern um ein Kind. Ende des vergangenen Jahres waren 942 Kinder zur Adoption freigegeben - demgegenüber waren mehr als 13 000 Adoptions-Bewerber, wie es im Fachjargon heißt, bei den Jugendämtern und bei freien Trägern registriert. Allerdings konzentriert sich die Nachfrage in erster Linie auf Kleinkinder oder Babys. "Je älter ein Kind wird, desto schwerer ist es zu vermitteln", sagt Frank Licht, Leiter der zentralen Adoptionsstelle für Berlin und Brandenburg.

Für viele ältere Paare bleibt nur noch der Weg ins Ausland. Dort hat sich deshalb ein grauer Markt entwickelt. Den Grund dafür sehen Kinderschutzvereine in der Mentalität in den westlichen Industrieländern. "Wir leben noch zu sehr in dem Glauben, dass alles käuflich ist, was man nicht von Natur aus haben kann - auch Babys", klagt Maria Holz. Wie viele Kinder auf illegalem Weg nach Deutschland kommen, können Experten schwer beziffern. Frank Licht weiß jedoch: "Es gibt einen grauen Markt - denn wo Geld ist, ist auch ein Weg zu einem Kind." Der Hamburger Adoptionsexperte Rolf Bach glaubt jedoch, dass es keine "mafiosen Strukturen" mehr gibt wie noch in den achtziger Jahren. Heute sei es schwieriger ein Kind nach Deutschland zu schmuggeln, weil Kinderhandel mit zum Teil erheblichen Haftstrafen geahndet würde.

Spätestens im kommenden Jahr soll dem Handel mit der Ware Kind durch die Haager Konvention für interstaatliche Adoptionen ein Riegel vorgeschoben werden. "Dann gibt es klare Regeln für Auslandsadoptionen", erwartet Licht. Dies ist nach Ansicht von Experten auch bitter nötig. Schließlich habe jedes Kind ein Recht darauf zu erfahren, wer seine Eltern sind, sagt Sabine Walther vom deutschen Kinderschutzbund: Spätestens wenn ein adoptiertes ausländisches Kind bewusst wahrnehme, dass es beispielsweise eine andere Hautfarbe habe, fange es an zu fragen, woher es komme. Je später ein Kind von seiner Adoption erfahre, um so weniger seien traumatische Folgen auszuschließen, warnen Experten. Gegen das Recht auf Identität verstoßen nach Ansicht von Terre des Hommes auch die mehr als 20 Babyklappen in Deutschland. Der Kinderschutzverein glaubt nicht, dass Tötungen von Säuglingen damit verhindert würden. Diese seien Affekthandlung von Müttern in Not, heißt es in einer Stellungnahme der Organisation.

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