Politik : Virtuelle Sieger

Frankreich am Tag der Präsidentschaftswahl: Journalisten wollen erste Ergebnisse schon früh im Internet veröffentlichen

Christian Tretbar

Dieser Wahltag könnte in Frankreich eine kleine Revolution auslösen. Nicht nur wegen der Frage, welche zwei der zwölf Kandidaten heute nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in die Stichwahl am 6. Mai gehen werden. Die Umfragen geben nur ein diffuses Bild wieder. Einzig der konservative Nicolas Sarkozy scheint für die zweite Runde gesetzt zu sein. Dahinter kämpfen vor allem die Sozialistin Ségolène Royal und der Liberale Francois Bayrou um Platz zwei. Allerdings ist auch der Rechtsradikale Jean-Marie Le Pen nach letzten Umfragen wieder näher an Runde zwei gerückt. Doch das allein macht keine Revolution aus. Wohl aber die Frage, wann die Franzosen heute Abend erfahren, wer in die Stichwahl kommen wird.

Das Wahlgesetz schreibt vor, dass es keine Ergebnisse vor 20 Uhr geben darf. Doch schon 2002 haben Fernsehanstalten kurz vor acht eine „große Überraschung“ angekündigt, um den Einzug Le Pens in die Stichwahl anzudeuten. Diesmal soll es aber nicht nur bei nebulösen Andeutungen bleiben. Einige Journalisten haben angekündigt, erste Trends, die sie in der Regel um halb sieben von den Umfrageinstituten bekommen, nicht im Fernsehen, wohl aber in ihren Internet-Blogs zu veröffentlichen. „Wenn ich seriöse Zahlen bekomme, werde ich sie sofort weit vor 20 Uhr in meinem Blog veröffentlichen“, sagt Guy Birenbaum, Redakteur bei RTL. Auch andere Blogger wollen schon vor 20 Uhr erste Zahlen ins Netz stellen, so auch Jean-Marc Morandini, Moderator bei Europe 1. „Damit will ich eine Debatte anstoßen“, sagt der Journalist. Aber nicht alle sehen es so wie Birenbaum und Morandini. Daniel Schneidermann, Journalist bei der Tageszeitung „Libération“, hält nichts von der frühen Veröffentlichung: „Das ist nur ein neues Mittel, um unsere Demokratie zu beschmutzen.“ Auch die Wahlaufsicht hat bereits Alarm geschlagen und eine Strafe von 75 000 Euro angedroht für die Veröffentlichung erster Zahlen vor 20 Uhr. Mit einem großen Mitarbeiterstab werde man die Aktivitäten im Netz und auch im Fernsehen beobachten. Brisant ist das Vorhaben der Blogger deshalb, weil die Wahllokale in den französischen Großstädten erst um 20 Uhr schließen und eine Verzerrung des Wahlergebnisses befürchtet wird. Schließlich ist es heute ein Leichtes, kurz vor Schließung der Wahllokale noch einmal eine groß angelegte SMS-Offensive zu starten, um das Ergebnis doch noch zu drehen. Gerade bei einem knappen Wahlausgang, wie er für heute Abend erwartet wird, ist die Veröffentlichung von Trends problematisch.

44,5 Millionen Franzosen geben heute ihre Stimme für einen der zwölf Kandidaten ab. Bereits gestern öffneten in den französischen Überseegebieten die ersten Wahllokale. Außerdem sind 835 000 Franzosen im Ausland zur Wahl aufgerufen – doppelt so viele wie 2002. Insgesamt haben sich rund drei Millionen Menschen mehr in die Wahlregister eingetragen als bei der vergangenen Präsidentschaftswahl. Anders als in Deutschland muss man sich in ein Wahlverzeichnis eintragen, um wählen gehen zu können. Das Interesse an der Präsidentschaftswahl ist groß. Im Radio laufen Rap-Songs über „Ségo“ und „Sarko“. Die Auflagenzahlen der großen Tageszeitungen sind in den vergangenen zwei Monaten erstmals seit langer Zeit wieder gestiegen. Und acht Millionen Franzosen verfolgten auf TF 1 die Sendungen mit Royal und Sarkozy – der beste Wert für eine politische Sendung seit zehn Jahren, wie es bei dem Sender heißt. Auch für heute Abend rechnen sie mit hohen Einschaltquoten – wenn ihnen das Internet nicht dazwischenfunkt.

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