Politik : Visionär mit Realitätssinn

PAUL STOOP

Eine bessere Wahl wäre nicht denkbar gewesen.Die heutige "Berliner Rede" ist die letzte in diesem Jahrhundert.Die Hoffnung auf eine globale Vision für die kommende Ära dürfte der Generalsekretär der Vereinten Nationen kaum enttäuschen.Dabei vertritt Kofi Annan eine Organisation, die nicht nur an diversen chronischen Krankheiten leidet, sondern nun auch noch in einer akuten Krise steckt.Gegen Irak haben die USA und Großbritannien eigenmächtig gehandelt, gegen Jugoslawien führt die NATO ohne eindeutiges Mandat des UN-Sicherheitsrates Krieg.Die Konfrontation zwischen den Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates ist nach Ende des Kalten Krieges nicht beigelegt worden.

An Kofi Annan liegt das nicht.Der in Ghana geborene Verwaltungsfachmann hat 1997 mit großem Vertrauensvorschuß sein Amt angetreten.Nach dem Wirtschaftsstudium in Ghana, der Schweiz und den USA trat er 1962 in den Dienst der UN, zunächst bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf.In der New Yorker Zentrale und verschiedenen UN-Organisationen lernte er anschließend die Probleme des Apparats wie kaum ein anderer kennen; unter anderem war er Chef der UN-Personalverwaltung.Auch deshalb erschien er den USA als Garant für die Vollendung der gerade begonnenen Reform.Annan hat an der internen Erneuerung gearbeitet, wie er es gewohnt ist: zäh, an der Sache orientiert und diskret.Ob daraus am Ende das wird, was er selbst als "stille Revolution" angekündigt hat, muß sich noch erweisen.

Eine sichtbare politische Funktion hatte Annan 1993 als Untergeneralsekretär übernommen, mit der Zuständigkeit für friedenserhaltende Missionen.Seitdem kennt er die Schwächen und das bittere Scheitern der UN-Blauhelme.Auch im höchsten UN-Amt hat er nicht vergessen, wie begrenzt der politisch-diplomatische Spielraum der UN sein kann.In der Irak-Krise schien sein Konzept, das auf Vertrauensbildung und Dialog setzte, aufzugehen.Annan konnte durch eine Einigung mit Saddam Hussein über die Inspektorenteams der Vereinten Nationen einen Angriff auf Irak verhindern.Um so größer war die Enttäuschung, als die USA und Großbritannien am Ende ohne Mandat des Sicherheitsrates Irak doch bombardierten.Als die Bomber Bagdad anflogen, befand sich Annan in einer Sitzung des Sicherheitsrates, in dem Frankreich, Rußland und China einen Militäreinsatz gegen Irak mit ihrem Veto blockierten.Der britisch-amerikanische Alleingang war bitter für den Generalsekretär, vor allem aber "ein trauriger Tag für die Vereinten Nationen", wie er sagte.

Annan ist noch realistischer geworden.Als nun die NATO im Kosovo intervenierte, kritisierte er die NATO nur indirekt - um zwei Wochen später die Forderung der Allianz zu übernehmen.Die Vertreibung der Kosovo-Albaner müsse sofort beendet werden; erst dann würde er sich für eine Feuerpause einsetzen.Denn bei allem Realitätssinn und seiner von allen Gesprächspartnern gerühmten zurückhaltenden Art ist Kofi Annan ein glühender Verfechter der UN-Vision.Und die bedeutet auch: globale Verantwortung für die Verhinderung und Ahndung schweren Verbrechen, die die Idee einer Weltgemeinschaft im Kern treffen.

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