Politik : „Viva Papa Ratzinger“

Freundliche Reaktionen in Polen, wenig Begeisterung in Lateinamerika: Das weltweite Echo auf die Wahl des neuen Papstes

-

Warschau Überwiegend freundlich hat die Öffentlichkeit in Polen auf die Kür eines Deutschen zum Papst reagiert. „Viva Papa Joseph Ratzinger“, titelte am Mittwoch die bürgerliche Tageszeitung „Rzespospolita“. „Dies ist ein Freund der Polen“, versicherte das Boulevardblatt „Fakt“ seinen überwiegend katholischen Lesern. „Willkommen Benedikt XVI. !“, zeigte sich der „Super-Express“ vor allem darüber erleichtert, dass mit dem 78-Jährigen der engste Mitarbeiter des verstorbenen National-Idols Karol Wojtyla den Papst-Thron besteigt. Etwas zurückhaltender reagierte die liberale „Gazeta Wyborcza“, die den neuen Kirchenfürsten zur Achtung all jener aufforderte, „die anders denken, glauben und fühlen“.

Viele verblüffte Deutsche in Polen erhielten am Mittwochabend Anrufe von einheimischen Bekannten, die ihnen zur Wahl Ratzingers gratulierten. Einigen Polen geht indes der angestimmte Jubel-Chor über den Nachfolger von Johannes Paul II. aus dem nach wie vor eher unpopulären Nachbarland entschieden zu weit. Das Krakauer „Papstfenster war, ist und bleibt das des einzigen echten Papstes – unseres Jan Pawel, des Großen“, ärgert sich im Internet eine Tereska, dass zu Ehren von Benedikt in Krakau gar das Lieblingslied von Karol Wojtyla angestimmt wurde. Die ganze Welt habe Johannes Paul II. geliebt, darum müssten die Polen nun auch den neuen Papst lieben, wendet indes Internet-Chatterin Ania ein. Ihrer Argumentation stimmt widerstrebend auch Andrzej zu. Deutsche könne er zwar eigentlich nicht leiden: „Aber für den Papst muss man eine Ausnahme machen.“ tro

* * *

Washington - Die Flakhelfer-Generation wird rehabilitiert. Joseph Ratzinger, geboren 1927, war in der Hitlerjugend, 1943 wurde er eingezogen. Kurz vor Ende des Krieges desertierte er, kam aber trotzdem in amerikanische Kriegsgefangenschaft. In den USA betonen alle Medien diesen Teil der Biografie des neuen Papstes. Einige Kommentatoren befassen sich nur mit diesem Aspekt. Das Ergebnis überrascht ein wenig. Es heißt: Na und? Da gab es andere Zeiten. Kurt Waldheim etwa, demokratisch gewählter Präsident seines Landes sowie Ex-UN-Generalsekretär, hatte in Amerika Einreiseverbot. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Ratzinger und Waldheim. Dennoch: Amerikaner können in dieser Beziehung sehr streng sein. Beim neuen Papst sind sie es nicht.

Nazi-Zeit, bayerisch katholischer Mystizismus, 68er-Generation: Das sind aus US-Sicht die drei Prägungen Ratzingers. Die „New York Times“ titelt: „German Cardinal Is Chosen as Pope“. Dieser sei intelligent, pietistisch, dogmatisch. Im letzten Präsidentschaftswahlkampf hatten konservative US-Bischöfe im Vatikan nachgefragt, ob sie Politikern, die sich für die Abtreibung aussprechen, die Kommunion verweigern dürfen. Damit hatten sie John Kerry gemeint, den Demokraten. Ratzingers Antwort: Ja, sie dürfen. Und so geschah es. mal

* * *

Rio de Janeiro - Pedro Casaldaliga ist einer der wenigen Bischöfe in Lateinamerika, die sich gleich nach der Wahl von Joseph Ratzinger zum neuen Papst ganz offen äußern – nämlich enttäuscht. Ratzinger habe in seinen Schriften „die dunklen Seiten der Menschen betont“, er sei „pessimistisch“, und das sei „eines guten Christen wenig würdig“, sagt Casaldaliga. Doch der 77-Jährige ist schon im Ruhestand, das Bistum São Felix do Araguaia im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso leitet inzwischen ein anderer. Von den offiziellen Vertretern der katholischen Kirche in Lateinamerika kommt zunächst keine Kritik an Ratzinger.

Begeisterung ist aber auch nicht zu spüren. Bitter äußern sich viele Theologen, vor allem Vertreter der vom Vatikan als marxistisch verurteilten Befreiungstheologie. „Als Christ“ akzeptiere und respektiere er die Wahl der Kardinäle, sagt der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff. „Aber es wird schwer sein, diesen Papst zu lieben wegen seiner Haltungen zur Kirche und zur Welt“, sagt der 66-Jährige, der 1985 von Joseph Ratzinger als damaligem Leiter der Glaubenskongregation zu „unterwürfigem Schweigen“ verpflichtet worden war. Während der sozialen Unruhen in Lateinamerika in den 70er und 80er Jahren kämpften die Befreiungstheologen für die Armen und Unterdrückten mit der Begründung, ihre Erlösung müsse bereits im Diesseits und nicht erst im Jenseits erfolgen. In Lateinamerika sind Reichtum und Armut noch immer extrem ungleich verteilt.

In den 90er Jahren überwarfen sich dann zahlreiche Theologen in Lateinamerika mit dem Vatikan vor allem wegen dessen rigider Sexualmoral. 140 von ihnen wurden zwischen 1991 und 2005 von Ratzinger, dem Leiter der Glaubenskongregation, gemaßregelt.

Gleichzeitig besetzte Papst Johannes Paul II. in seinen mehr als 26 Amtsjahren die Bistümer dort mit Konservativen oder Moderaten, viele Progressive verschwanden in den Ruhestand. Noch lebt rund die Hälfte der 1,1 Milliarden Katholiken weltweit in Lateinamerika.

Doch immer mehr Gläubige dort kehren der Kirche den Rücken – allein in Brasilien sind es jedes Jahr rund 600000. Die meisten wenden sich evangelikalen Sekten zu. AFP

* * *

Nairobi - Zahlreiche Staatspräsidenten und Kirchenführer aus Afrika haben ihre Glückwünsche zur Wahl von Joseph Ratzinger übermittelt. In den Chor der Gratulanten mischen sich wenige enttäuschte Stimmen, allen voran von humanitären Verbänden, die Familienplanung in Afrika betreiben.

In Nairobi war am Mittwoch vom Morgen bis zum Nachmittag die Basilika der „Heiligen Familie“ überfüllt mit Gläubigen, die dem neuen Papst huldigten und vom kenianischen Erzbischof Raphael Ndingi persönlich das Abendmahl empfingen. Ein Foto von Benedikt XVI. war nirgends zu entdecken, aber die Bücher von Ratzinger in der katholischen Buchhandlung fanden reißenden Absatz.

In Nigeria herrschte zunächst Enttäuschung darüber, dass der nigerianische Kardinal Francis Arinze nicht zum Papst gekürt wurde. „Ich glaube, Europäer und Amerikaner sind noch nicht bereit, einen afrikanischen Papst zu sehen“, lautet das Resümee von Pater Dominic Wamugunda, der an der Universität Nairobi lehrt. Trotz allem: Inzwischen liegt Benedikt XVI. die erste offizielle Einladung nach Afrika vor – sie kommt aus Nigeria.

Südafrikas anglikanischer Erzbischof Desmond Tutu sagte, er sei „traurig“, dass der neue Papst den Widerstand der Kirche gegen den Gebrauch von Kondomen nicht beenden werde. Zwei Drittel aller Aidskranken der Welt leben in Schwarzafrika. Man hoffe, der neue Papst sei „weniger konservativ“, was die Familienplanung anbelange, meinte die südafrikanische Organisation „Treatment Action Campaign“. chl

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben