Politik : "Vive Jacques"

Ein krasserer Gegensatz zum gespenstischen Besuch von US-Präsident George W. Bush in Mainz ist kaum denkbar: Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac genießt bei einer gemeinsamen Visite in Gerhard Schröders Geburtsort Blomberg bei Detmold sichtlich das Bad in einer begeisterten Menge.

Blomberg (07.03.2005, 16:22 Uhr) - «Vive Jacques! Vive Jacques!», schallt es aus einem jubelnden Menschenmeer mit deutschen und französischen Papierfahnen. Bush hatten die Menschen in Deutschland gar nicht zu Gesicht bekommen.

Die Regierungschefs erleben mit ihren Außenministern Joschka Fischer (Grüne) und Michel Barnier nach Wochen der Skandale in beiden Ländern pure Harmonie. In Deutschland überschattet die Visa-Affäre das Regierungsgeschäft, in Frankreich die Affäre um eine Luxus- Ministerwohnung des inzwischen abgelösten Wirtschaftsministers Hervé Gaymard. Am Montag nun harren mehr als 1500 Menschen trotz Kühlschrank-Temperaturen teils stundenlang vor dem Rathaus aus - eine Kleinstadt gibt sich die Ehre.

Offensichtlich ist etwas dran an der von Chirac und Schröder später beteuerte «nahtlose Übereinstimmung» über den Rhein hinweg - egal, ob es um Nahostpolitik oder Wirtschaftsfragen geht. Gemeinsam untermauern Frankreich und Deutschland dann ihr gemeinsames Eintreten für eine Lockerung des Euro-Stabilitätspaktes. Wachstum müsse wieder in den Vordergrund rücken, sagten Bundeskanzler und Staatspräsident. Zum Libanon einigen sich beide auf gemeinsame Forderungen nach einem syrischen Truppenabzug. Und der deutsch-französische Jugendaustausch, ein Klassiker in den bilateralen Beziehungen, werde weiter intensiviert.

Ein einsames Protestplakat, das Fischer an die Visa-Affäre erinnern soll, sinkt ausgerechnet im Moment des Auftritts zu Boden. Was noch bleibt, ist ein mahnendes Transparent von Bauern an die Staatschefs zum Thema Agrarpolitik: In recht holprigem Französisch und mit einem Rechtschreibfehler in Chiracs Vornamen ist das Kinderlied «Frère Jacques» umgedichtet.

Wenige Meter weiter wirbt eine Restauranttafel: «Heute Kanzlermenü: Currywust mit Pommes.» «Ich bin stolz darauf, dass ich aus demselben Ort komme wie der Bundeskanzler», sagt die kleine Sandra (11) aus der Menge. Auf dem Weg zum westfälischen Drei-Gänge- Menü mit Moselwein herzen die Politiker viele Zuschauer. Den roten Teppich vor dem Rathaus hat der hohe Besuch aus Berlin jedoch selbst mitbringen müssen. Das ist keine böse Geste. Der 17 000-Einwohner-Ort hatte noch nie ein solches Prominenten-Aufgebot zu Gast.

Hier, im Ortsteil Mossenberg, ist Gerhard Schröder geboren worden. Seine von ärmlichen Verhältnissen geprägte Kindheit verbrachte er in der Umgebung. Seine damaligen Weggenossen vom Fußballclub «TuS Talle» lassen sich diesen Auftritt natürlich nicht entgehen: «Gerd ist ein echter Kumpel», sagt Herbert Batzer (68). «Wir waren auch letztes Jahr zum 60. Geburtstag eingeladen. Er war unser Torjäger. Der sprang hoch, obwohl er gar nicht so groß ist.» Inzwischen krebst der Verein im Mittelfeld der Kreisklasse. (Von Elmar Stephan und Christof Bock, dpa) ()

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