Politik : Vizepräsidentin Knobloch strebt an die Spitze des Zentralrats der Juden

An der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland könnte im nächsten Jahr erstmals eine Frau stehen. Die amtierende Vizepräsidentin Charlotte Knobloch kündigte am Mittwoch ihre Kandidatur für die Nachfolge von Ignatz Bubis bei der Neuwahl im kommenden Januar an. Die 66-Jährige ist zugleich Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde in München.

"Ja, ich werde kandidieren", sagte die parteilose Knobloch in einem vorab veröffentlichten Gespräch mit dem Hamburger Magazin "Stern". Als weitere mögliche Kandidaten für die Position des Präsidenten im Zentralrat der Juden in Deutschland gelten der Frankfurter Gemeindevorstand und Architekt Salomon Korn, der Berliner Gemeindevorsitzende Andreas Nachama und Zentralratsmitglied Michel Friedman. Auf die Frage, wie sie ihre Chancen beurteile, antwortete Knobloch: "Ich will nicht hoffen, dass ich als Frau behandelt werde, sondern aufgrund meiner Leistung beurteilt werde."

Ignatz Bubis habe "etwas Erstaunliches bewirkt: Er war mit großer Selbstverständlichkeit präsent. Er war ein Jude zum Anfassen. Er hat das Judentum, das sich aus verständlichen Gründen lange isoliert hat, für die Umwelt geöffnet. Auf diesem Weg möchte ich weitergehen." Wichtigste Aufgaben des Zentralrats sind für Charlotte Knobloch die Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und die schnelle Entschädigung der Zwangsarbeiter.



Ähnlich wie Bubis und andere deutsche Juden habe auch sie manchmal die Erfahrung gemacht, nicht als Deutsche angesehen zu werden. "Ich werde beglückwünscht zu meinem neuen Ministerpräsidenten oder meinem neuen Botschafter. Und das sind dann immer Repräsentanten Israels." Im Wirrwarr der Begriffe über Juden in Deutschland, deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sei sie "ganz einfach deutsche Jüdin. Was denn sonst? Ich bin doch kein Exot. Und mein Grab ist längst schon neben meinem Mann in München reserviert", sagte Knobloch wörtlich.

Die amtierende Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland hatte am Dienstag auch eine der Trauerreden auf der offiziellen Gedenkfeier für Bubis in der Frankfurter Westend-Synagoge gehalten. Dabei erinnerte sie daran, dass Bubis und seine Frau Ida nach der Verleihung des Friedenspreises an den Schriftsteller Martin Walser im vergangenen Jahr in der Frankfurter Paulskirche sitzen geblieben waren, während der Schriftsteller von der "intellektuellen Elite des Landes mit stehendem Beifall bedacht" worden sei.

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