Völkerverständigung : Zweckbeziehungen

Immer mehr Briten in Frankreich, immer mehr Franzosen auf der Insel – dennoch bleibt das Verhältnis der Völker schwierig.

Christian Tretbar

LondonHyde-Park zum Beispiel. Im grünen Herz Londons, in dem die Rolling Stones in den 60ern ein Gratiskonzert vor einer halben Million Menschen spielten, ist Englisch längst nicht mehr die Sprache Nummer eins. „Oui“ und „Non“ heißt es hier in den Cafés und auf den Wiesen. Und South Kensington südlich des Parks wird längst als „21. Arrondissement“ bezeichnet, in Anlehnung an die Einteilung von Paris in 20 Arrondissements. Die Franzosen haben England für sich entdeckt. 350 000 leben heute in England, ein Großteil davon in London, so dass die Grande Nation London schon mal zur siebtgrößten französischen Stadt erklärt hat.

Mehr als 3000 französische Firmen haben sich in Englands Hauptstadt niedergelassen und die Zahl der französischen Studenten an englischen Universitäten steigt jährlich um zehn Prozent. Schauspieler, Finanzinvestoren, Sportler und Sterneköche haben sich in England etabliert. Doch die Beziehung wurde auf die Probe gestellt, als vor wenigen Wochen zwei französische Studenten in London erstochen wurden. Das Ende der London-Affinität war dies aber nicht.

Ohnehin ist es keine Liebesbeziehung, zumindest nicht für die Franzosen. „Die Franzosen in England und die Briten, die sich in Frankreich niederlassen, sind zwei völlig unterschiedliche Personenkreise mit ganz unterschiedlichen Motiven“, sagt Christian Roudaut, Korrespondent für Radio France in England. Die Franzosen, die nach England gehen, sind eher jung und ziehen nur aus einem Grund nach London: Geld. Die 500 000 Briten, die in Frankreich einen Zweitwohnsitz haben, sind eher älter und ziehen aus Liebe zu Wein, Landschaft und Essen auf den Kontinent. „Franzosen finden in England leichter einen Job, der auch noch gut bezahlt ist – mit Liebe zu Großbritannien hat das selten etwas zu tun“.

Auch Jacques Reland, französischer Professor für Europäische Politik am Global Policy Institute der Metropolitan University in London sieht darin den Hauptgrund, warum so viele seiner Landsleute nach England gehen: „Hier finden sie etwas, was es in Frankreich nicht gibt: einen unbeschwerten Umgang mit Geld und Kapitalismus“. Außerdem werde nicht so sehr nach formalen Qualifikationen gefragt wie in Frankreich, sondern ob jemand etwas kann.

Frankreich und Großbritannien, zwei Staaten, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben außer einer Vergangenheit, die sie trennt. Die Niederlage Napoleons geht auch auf das Konto der Briten. Lord Nelson, der die napoleonische Flotte vor Spanien schwer geschlagen hat, wird noch heute auf dem Trafalgar Square in London geehrt. Es sind aber auch zwei Staaten, die sich in ihrem Selbstverständnis mehr abstoßen als anziehen. „In Frankreich hat die Ideologie Vorrang und Gleichheit ist ein Glaubensgrundsatz, in England dagegen spielen das Individuum und die eigene persönliche Verantwortung eine viel größere Rolle“, sagt Reland.

Dieser Pragmatismus beeindruckt Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy. Für ihn ist es ein Zeichen, dass so viele seiner Landsleute über den Kanal emigrieren. „Er will den Franzosen etwas von diesem britischen Selbstverständnis einhauchen und sieht vor allem in der Sozialpolitik Ansatzpunkte“, sagt Roudaut. Außerdem plant England den Bau weiterer Atomkraftwerke, und davon möchte Sarkozy profitieren. Allerdings musste er einen ersten Rückschlag hinnehmen, weil der französische Energieriese EDF mit dem Plan gescheitert ist, den britischen Energieanbieter British Energy zu übernehmen. Deutschland müsse sich aber nicht sorgen, dass Frankreich jetzt mehr auf die Insel schiele. „Die Achse Frankreich–Deutschland ist für den europäischen Integrationsprozess viel wichtiger“, sagt Reland. Nur bei zwei Punkten spiele die Beziehung Paris-London für Europa eine wichtige Rolle: in der europäischen Verteidigungs- und Finanzmarktpolitik.

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