Politik : Volk ohne Angst - Lässt sich der Autokrat von Belgrad unblutig stürzen? (Kommentar)

Stephan Israel

Das Ende des Regimes von Slobodan Milosevic wurde schon oft vorhergesagt und noch immer hat der Autokrat von Belgrad seine Macht erhalten können. Doch wenn nicht alles täuscht, ist nun sein Schicksal besiegelt: Da sind einmal die mysteriösen Morde an Milosevic-Vertrauten der letzten Monate. Vermutlich geht es zwar weniger um Politik als um "Abrechnungen" im mafiösen Umfeld des inneren Machtkreises. Doch die tödlichen Anschläge sind zumindest ein Indiz dafür, dass man in Belgrad die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat.

Und wenn das Regime selbst hinter dem Morden steckt, wäre auch dies ein Anzeichen von Nervosität bei den einen, ein Grund zur Panik bei den anderen. Nach der fünften Hinrichtung in aller Öffentlichkeit allein in diesem Jahr kann sich keiner der Statthalter von Milosevic mehr sicher fühlen. Der Diktator beherrscht offenbar nicht mehr alle Teile seines Repressionsapparts. Einige Vasallen und Sympathisanten scheinen sich auf die Zeit danach einzustellen.

Jugoslawiens Präsident steht mit dem Rücken zur Wand. Der Spielraum des einst so geschickten Taktikers ist praktisch auf Null geschrumpft. Ein neuer Konflikt in Montenegro etwa würde das absehbare Ende seiner Herrschaft nur beschleunigen. Milosevic kann nicht zurücktreten, weil er sich dann vor der Verfolgung durch das Haager Kriegsverbrechertribunal fürchten müsste. Er kann das Risiko von Wahlen nicht mehr eingehen, weil selbst massive Manipulation eine Niederlage seiner Sozialisten und ihrer Partner nicht verhindern könnte.

Im nächsten Jahr läuft sein Mandat als Staatsoberhaupt aus. Milosevic bleibt dann nur noch die Möglichkeit, die Verfassung umzuschreiben oder sich in die offene Diktatur zu flüchten. Er kann herrschen, solange sein Volk sich vor seinen Polizisten fürchtet. Angesichts von Elend und Misere im Land scheint jedoch diese Angst zu weichen.

Keiner glaubt mehr an einen Machtwechsel ohne Blutvergießen. Dass es solange dauern musste, hat auch damit zu tun, dass die zerstrittene Opposition bisher keine überzeugenden Alternativen bieten konnte. Sollte Milosevic stürzen, wird es nicht dank, sondern trotz der Opposition passieren. Da sind die Sympathisanten der studentischen Widerstandsgruppe "Otpor" von anderem Format. Ihnen geht es nicht um Macht oder Privilegien. Serbiens junge Generation kämpft um eine Zukunft in der eigenen Heimat.

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