Politik : Vom Feind zum Partner?

Die USA suchen im Irak das Gespräch mit dem sunnitischen Widerstand – aus Angst vor dem Bürgerkrieg

Erwin Decker[Mossul]

Als er aus der Moschee herauskam, wurde er von zwei Autos aus beschossen. Scheich Kamal Nasal war sofort tot. Der sunnitische Geistliche aus Falludscha wurde hingerichtet, weil er sich tags zuvor an einem geheimen Ort mit dem amerikanischen Botschafter im Irak, Zalmay Khalilzad getroffen hatte. Er galt als Verräter. Das Treffen mit Scheich Kamal Nasal war der Anfang der Kontaktaufnahme der Amerikaner mit dem irakischen Widerstand. Trotz der Hinrichtung des moderaten Imams haben sich inzwischen elf Widerstandsgruppen mit dem in Afghanistan geborenen US-Botschafter getroffen. Dass er auch praktizierender Moslem ist, erleichtert die Kontakte.

Im Irak gibt es nicht nur eine Widerstandsgruppe, sondern unzählige Zellen, die völlig autonom operieren und oft nie Kontakt untereinander haben. Die US-Regierung sucht derzeit fast verzweifelt den Kontakt zu den Führern der wichtigsten ihnen bekannten Widerstandsgruppen im sunnitischen Umfeld. Die Zeit drängt, denn der Irak steht am Rande des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten. Der Erfolg der neu gewählten Regierung hängt nicht zuletzt von der Mitarbeit der Sunniten ab. Wenn es nicht möglich ist, die Sunniten aktiv in die Regierungsverantwortung, mit einzubeziehen, lässt sich der Irak kaum regieren. „Die Bush-Administration hätte schon vor drei Jahren erkennen müssen, dass die Sunniten, auch wenn viele von ihnen Saddam Hussein nahe standen, an der Bildung des neuen Iraks beteiligt werden müssen“, sagt Peter Mc Allan, ein ehemaliger Berater von Bill Clinton. Die sunnitische Minderheit hatte jahrzehntelang im Irak die Macht. Nach dem Krieg wurde die 450 000 Mann starke Armee ebenso aufgelöst wie die Polizei, der 250 000 Beamte angehörten. Die Mehrheit dieser Sicherheitskräfte waren Sunniten. Hunderttausende hatten plötzlich keinen Job mehr und machten die USA dafür verantwortlich. Daraus bildete sich der Kern des Widerstandes. Inzwischen dominieren Schiiten in der Regierung und stellen die Mehrheit in der neu aufgebauten Polizei und dem Militär. Nur wenn die USA es schaffen, darauf hinzuwirken, dass ein Teil der Sunniten wieder zurück in den Sicherheitsapparat kommt, gibt es im Irak nach Meinung von Beobachtern eine – wenn auch geringe – Chance auf mehr Sicherheit.

Deshalb macht Khalilzad den Sunniten nun Zugeständnisse und bietet ihnen eine Zusammenarbeit an. In der Unruheprovinz Anbar beispielsweise werden nur noch lokale sunnitische Polizisten eingesetzt. Im Gegenzug hofft Khalilzad, dass dadurch auch der Widerstand und die Anschläge abnehmen.

Ein ganz wesentlicher Grund für die Kontaktaufnahme mit dem sunnitischen Widerstand sind auch die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Teheran hat für den Fall eines US-Angriffs mit einem Aufstand der Schiiten im Südirak gedroht – das wäre eine Intifada von 60 Prozent der Iraker. Für den Fall, dass dieses „worst case scenario“ wirklich eintreten sollte, hoffen die USA nun, dass die Sunniten eine rein irakische Position einnehmen. Daran ist aber nur zu denken, wenn die sunnitischen Widerstandsgruppen ihre Kampfhandlungen beenden und in die Gesellschaft integriert werden. Dieses Angebot lässt Botschafter Khalilzad vor den Gesprächen an die Widerstandsgruppen übermitteln. Doch das Misstrauen auf der sunnitischen Seite ist groß. Fachleute der Region prognostizieren jedoch, dass sich die USA langfristig den Sunniten werden annähern müssen.

Der schiitische Süden des Iraks steht dem Mullah-Regime in Teheran so nahe, dass in fast allen Städten – entgegen den Anordnungen aus Bagdad – die Scharia, das islamische Recht, angewandt wird. Ein hoher US-Militär sagte kürzlich: „Vielleicht haben wir im Irak auch das falsche Schwein geschlachtet.“

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