VOM LEHRER ZUM ABITUR ÜBERREDET : „Komplett in Neukölln sozialisiert“

Ayhan Ayrilmaz , 43, leitender Architekt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.
Ayhan Ayrilmaz , 43, leitender Architekt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

Mein Vater kam 1965 nach Berlin. Wie alle Gastarbeiter wollte er nur zwei Jahre bleiben. In Istanbul hatte er eine kleine Textilfärberei, die sehr schlecht lief. Die ersten Jahre steckte er alles Ersparte in den Betrieb, aber das konnte die Pleite nicht abwenden, und so überredete er 1968 meine Mutter, mit meiner acht Jahre älteren Schwester nachzukommen. Sie war gerade schwanger mit mir, wir flogen nach Berlin, als ich drei Monate alt war. Meine Mutter verließ das eigene Häuschen in Istanbul und war schockiert über die Einzimmerwohnung in Neukölln. Parterre Hinterhof, Ofenheizung. Eigentlich ist das eine richtig schöne, historische Ecke am Richardplatz. Eine Arbeitergegend, damals gar kein Problemkiez, fleißige, rechtschaffene Leute. Aber es sah 1968 dort aus wie kurz nach dem Krieg. Meine Eltern arbeiteten viel, meine Mutter bei einer Stahlbaufirma, mein Vater anfangs in einem Kabelwerk, zuletzt beim Gartenbauamt, zuvor 13 Jahre lang in einem Betrieb, der Asbest verarbeitete. Er starb mit knapp 70, fast ein Wunder, dass er dieses Alter erreicht hat. Von seinen Kollegen lebt keiner mehr. Die haben das Asbest regelrecht verschlungen.

Meine gesamte Sozialisation fand in Neukölln statt. Mit 16 bin ich von zu Hause aus- und nach Kreuzberg gezogen, in meinen Lieblingsbezirk, der Kneipen wegen. Damals wollte ich kein Abitur machen, sondern schnell Geld verdienen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Davon abgebracht hat mich mein Tutor am Neuköllner Gymnasium, Herr Luttermann, ein toller Typ, damals Vorsitzender des Westberliner SED-Ablegers SEW, ein Salonkommunist, der sich mit Weinen ausgezeichnet auskannte und seine Sommerferien in Südfrankreich verbrachte. Der sagte mir: Die drei Jahre bis zum Abitur scheinen dir jetzt unendlich lang, aber dein Leben ist sehr viel länger und ohne Abitur bleiben viele Türen für dich zu. Halt durch und mach ein Ingenieurstudium, dann kannst du deinem Heimatland beim Aufbau helfen, wenn du zurückkehrst. Auch ihm schien es völlig klar, dass ich nicht in Deutschland bleiben würde. Aber er traf bei mir einen Nerv.

Zur Architektur bin ich dann gekommen wie die Jungfrau zum Kind: Ich wollte kein Orchideenfach studieren, aber Naturwissenschaften waren nicht meine Stärke, und so schlug mir der Studienberater an der TU Architektur vor. Ich bin damit sehr glücklich. Dass die Architektur die Mutter aller Künste ist, das sehe ich auch so. Bei der Stiftung bin ich gesamtverantwortlich für die Planung und Baudurchführung zum Beispiel der Sanierung für die Schlösser Charlottenburg, Sanssouci, Babelsberg. Richtig interessante Bauwerke und man arbeitet mit dem Erbe großer Baumeister: Nehring, von Knobelsdorff, Schinkel, Persius. Ein Türke und Preußens Erbe? Ich bin nicht der erste: Im 17. Jahrhunderts war der „Kammertürke“ Aly ein Vertrauter der Kurfürstin Sophie Charlotte. Meine Herkunft war aber nie ein Thema, ebenso wenig wie die der Leute anderer Nationalitäten in unserem Team. Ich habe das große Glück, durch meine Arbeit fast nur kultivierten, offenen und interessierten Menschen zu begegnen. Und das genieße ich sehr.

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