Politik : Vom Mantel die Geschichte

Mehr Bekleidung geht nicht – und was ist er nicht alles: Eindruckschinder, Überlebenshilfe, Körperhöhle. Oder eine Zumutung.

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2012: Was man tragen könnte, um sich obenrum wie untenrum warm zu halten, zeigt die Collection 3 der Berliner Modeschöpferin Isabel Vollrath. Foto: Scott Elliott
2012: Was man tragen könnte, um sich obenrum wie untenrum warm zu halten, zeigt die Collection 3 der Berliner Modeschöpferin...Foto: Scott Elliott

Wenn es nach Gisele Bündchen gehen würde, kriegten wir in diesem Winter alle eine Erkältung. „Im Ernst“, sagt die junge Verkäuferin. Der Mantel, den Gisele da trage, sei für echte Kälte nicht geeignet. So eng und knapp à la Christopher Bailey. „Man bekommt garantiert keinen dicken Pullover darunter.“ Die junge Verkäuferin klingt ein wenig sarkastisch. „Gekauft wird, was auf den Postern ist. Ist doch bloß ein Mantel. Ein Teil wie andere Teile auch.“ Niemand hängt sein Herz an einen einzigen. Lieber fünf von H & M als einen guten, überschlägt die junge Frau mit dem ebenmäßigen und nun durch einen leichten Ärger geröteten Gesicht. Ihr tue es ehrlich gesagt auch ein bisschen leid. Dieser arme Kerl, herabgewürdigt zu einem Accessoire „für obenrum“, zu einer Alltagslaune, einem Fetzen im Wind. „Nein, das hat er nicht verdient.“

Geduldig und treu, wie er ist. „Haben Sie Ihren Wintermantel auch schon rausgeholt?“, fragt eine ältere Dame. Es ist klar, was sie sagen will.

Nur sehr junge Leute werden die Dankbarkeit einem Mantel gegenüber belächeln und für eine sentimentale Übertreibung halten. Sie werden den Winter nicht kommen sehen und weiter so tun, als könnten sie in Giseles Mäntelchen oder nach dem hoch aktuellen Schichtungsprinzip mit irgendwelchen Schals über Jeans-Jäckchen tiefen Minusgraden trotzen. „Kind, zieh’ dir was Warmes an.“ Die Stimme der Mutter wird sie nur aus der Ferne erreichen. Junge Menschen fürchten den Mantel wie einen Spielverderber, der nichts Besseres zu tun hat, als ihnen den sexy Hintern zu verhängen.

Einer jungen Schauspielerin erschien er geradezu als Menetekel. Ihr älterer Liebhaber, ein Regisseur vom Theater, hatte ihr im Winter 2001 einen exklusiven Mantel aus Kaschmir gekauft. Der Regisseur war begeistert. Seine Freundin habe darin Ähnlichkeit mit der frühen Carole Bouquet. Die Beschenkte selbst sah unentschlossen an sich herab. Zu weit, zu glockig, insgesamt zu damenhaft. Die Schauspielerin setzte vor jedes Adjektiv ein „vielleicht ein bisschen“. Sie wollte nicht undankbar sein. In Wahrheit passte der Mantel nicht zu ihr. Und sie nicht zu ihm. Wahrscheinlich ist ein Mantel niemals das richtige Geschenk für eine Geliebte.

Es liegt am Mantel selbst, an seiner epischen Größe und daran, dass man ihn gewissermaßen heiraten sollte. Der Mantel meint es ernst. Er will bleiben. Am besten, man spricht über ihn wie über eine alte, würdige Person. Hunderte von Namen hat er bereits getragen, einer davon, das lateinische Wort mantellum, bedeutet Hülle und Decke. Es ist das Allgemeinste, was sich über ihn sagen lässt. Eine Art von Skizze, die unbedingt einer Ergänzung bedarf: seien es Schnitte, Farben, Verschlussarten oder ein bestimmter Faltenwurf, der die Phantasien tanzen lässt. Ohne seine Geschichten ist der Mantel jedenfalls nicht zu haben. Er versteckt sie in seinem Innenfutter, schleppt sie mit sich wie blinde Passagiere. Sehr berühmte Mantelreisende sind darunter. Der römische Soldat Martin von Tours zum Beispiel, der an einem bitterkalten Wintertag die nordgallische Stadt Amiens erreicht. Dort sieht er einen frierenden Bettler, an dem die Menschen achtlos vorüberlaufen. Martin aber, so berichtet sein Biograf Sulpicius Severus, begreift den Bettler als ein Zeichen Gottes, das „für ihn aufbewahrt sei“. Die Gnade ist bei dem, der geben darf. Ohne Zögern teilt Martin seinen Mantel mit dem Schwert. Ein „Unterpfand der Liebe“ hat man diesen geteilten Mantel genannt, ein Siegel der Barmherzigkeit. Nie wieder hat der Mantel aufgehört, ein Zeichen zu sein.

„Wir alle kommen von Gogols Mantel her“, soll Fjodor Dostojewski über dessen Novelle „Der Mantel“ gesagt haben. Sie erzählt von Akakij Akakijewitsch, einem kleinen Beamten, durch dessen jämmerlich ereignislose Existenz „ein lichter Geist in Gestalt eines Mantels huscht“. Ein kurzes Glück ist dem einsamen Menschen beschieden. Genau genommen sind es ein paar Wochen der Vorfreude und ein einziger Tag, an dem der neue Mantel ihn durch ein wärmeres Leben trägt. Dann wird der Mantel geraubt, und man müsste glauben, Akakij Akakijewitsch sei an diesem Verlust jäh zugrunde gegangen – wenn, ja wenn er nicht nach seinem Tode als Gespenst zurückgekehrt wäre und sich an seinem Peiniger gerächt hätte.

Der Mantel verzeiht keine bösen Scherze. Dazu ist er, gerade bei Nordwind, entschieden zu wesentlich. Ein tüchtiger Wintermantel schützt die Beine davor, zur Eissäule zu erstarren, und er bewahrt die Nierenkraft. Einen Mantel haben. Oder ihn nicht haben. Vor allen Fragen der Mode kommt diese.

Sie kehrt übrigens im Gegensatz von Bettler- und Königsmantel wieder. Im Bild des zerschlissenen Mantels, der manchmal die nobelsten aller Figuren kleidet. Im knappsten Mantel der Filmgeschichte lief Charlie Chaplin als „Der Tramp“ eine Landstraße entlang. Man sieht diesem staubigen Stückchen Gewebe die besseren Zeiten an. Genauso wie einem Damenmantel aus Loden, in dem ein obdachloser Mann auf einer Bank im Tiergarten schläft. Der Mantel der Armut passt keinem Körper genau. Zu klein, zu groß, zu lang, zu kurz. Immer verrät er das Prekäre der Situation. Den Abstieg, die Krankheit. Man kann ausgehungert wirken im eigenen Mantel. Der Look heißt Oversize. Wenigstens hieße er Oversize, wenn der Mantel kein armer, sondern ein reicher Mantel wäre.

Der Unterschied ist fundamental, und auf den Pariser Laufstegen konnte man die Art Überfluss, die reiche Mäntel kultivieren, ihre verwöhnte Lässigkeit auch in diesem Jahr bewundern. Die Frau in diesem Mantel ist ein androgyn-entrücktes Wesen, eingehüllt in Kaschmir und das Licht der Wintersonne. Einem Kenner wie Jochen Pahnke sticht die Kunst daran selbstverständlich ins Auge.

„Nur eine einzige Naht!“ Jochen Pahnke, Modedesigner und seit drei Jahren Dozent am Berliner Lette-Verein, zollt begeisterten Respekt. Selbst er, ein Profi, müsse überlegen, wie Raf Simons das geschafft habe. So raffiniert die Verarbeitung, so erlesen das Material! „Und haben Sie gesehen, wie die Models diese Mäntel vorführen?“ Wie sie mit der rechten Hand den Mantel keusch verschließen? „Erinnert das nicht stark an die gotische Eleganz einer Uta von Naumburg?“ Jochen Pahnke blickt amüsiert über den Rand seiner Brille.

Er hält den Mantel für „eine Diva“. Für einen „Eindruckschinder“. Auftritte und Abgänge, das kann der Eindruckschinder besonders gut. „Umdrehen, schnipp, und raus biste aus der Tür.“ Damit das funktioniert, braucht der Mantel dreierlei: einen Schnitt, einen Fall und etwas Tolles im Rücken. „Wer es unauffällig liebt, soll was anderes wählen“, sagt Jochen Pahnke, der zuletzt Mäntel für die Berliner Schaubühne und die Metropolitan Opera in New York entwarf, solche für Duell- und Wahnsinnsszenen, für Hochzeitsgesellschaften an der Wiener Hofburg. Er empfiehlt, sich dem Mantel vertraut zu machen. „Man muss seine Gesten lernen“, sagt er. Und dann sagt er noch etwas, das sich anhört wie ein Geheimnis: Der Mantel führe ein Eigenleben. Niemand könne ihn restlos beherrschen.

Die junge Modemacherin Isabel Vollrath zieht ihre Mäntel deshalb gar nicht erst an. Die Aufmerksamkeit, die sie mit sich bringen, wäre ihr unangenehm, sagt die Designerin. Ihre Schwestern würden sich über diese Schüchternheit wundern. Sie selbst nennt es „einen guten Abstand zur eigenen Arbeit“. Schmal und höflich konzentriert steht sie in ihrem Berliner Atelier. In der perfekten Haltung einer Tänzerin. Eine ihrer preisgekrönten Arbeiten liegt vor ihr auf dem Tisch. Es ist der Pelerinen-Mantel aus grobem Kaffeesack. Isabel Vollrath, in diesem Jahr mit einer Auszeichnung beim internationalen Talentwettbewerb ITS bedacht, hat ihn 2011 in St. Petersburg entworfen. Mittlerweile ist der Mantel ein häufig fotografierter. Ebenso wie jener aus handbedruckter Seide, der in seiner Farbigkeit das Licht Venedigs imitiert. Die junge Modeschöpferin versteht sich aufs Erzählen. Formsicher und ohne jede Neigung zu faulen Kompromissen folgen ihre Entwürfe einer an der Kostümgeschichte und dem Ballett des 19. Jahrhunderts geschulten Fantasie. Kein Wunder, dass ihre Mäntel um die eigenen Ahnen wissen. Um den englischen Riding Coat, die taillierte Redingote, den mit mehreren Pelerinen bestückten „Kutschermantel“, der Kontinentaleuropa um 1800 erreichte.

Im 19. Jahrhundert sind die ersten modernen Mäntel zu Hause. Es ist die Blütezeit der englischen Schneiderkunst, die mit ihren Schnitten die Herrenmode revolutioniert. Der Anzug schenkt eine neue Beweglichkeit. Der Mantel rundet das Erscheinungsbild ab. Mantel – dieses Wort bedeutete im Deutschland des 18. Jahrhunderts einen ärmellosen Umhang. Kaum, dass zwischen Ober- und Übergewand unterschieden wurde. Jetzt wird der Mantel öffentlich. Man spaziert im eleganten Chesterfield, lässt sich im raumnehmenden Ulster auf der Straße blicken.

Speziell die Männer des Bürgertums tun das, die sich dem Adel gegenüber mit erstarktem Selbstbewusstsein zeigen. Ihren Frauen und Töchtern indes liegen prankenschwer die Schals und Tücher auf den Schultern, was einer bevormundenden Geste ähnelt. Immerhin, eine Frau im Mantel hatte es auch ohne männliche Begleitung warm. Dafür müsste sie allerdings, was ein Ding der Unmöglichkeit ist, ihren Mantel über kolossale Krinolinen kriegen. Und auch die hohe Tournüre über dem Hintern stört ungeheuer. Und überhaupt dürfte diese zu einem S zusammengeschnürte Dame nicht wirken, als würde sie in der nächsten Sekunde nach hinten überkippen.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wird es dauern, bis ein Kontakt entsteht. Röcke müssen zunächst kürzer, Kleider und Ärmel schmaler werden. Fräulein Schmidt wird den Mantel brauchen für den Weg ins Büro. Sie wird ihn sich schnappen und ihr eigenes Geld verdienen. Nichts ist ihrem Mantel deutlicher anzusehen als seine Begabung für den Schritt ins Freie. Weshalb er unbedingt in den Kleiderschrank weiblicher Emanzipation gehört. Wie der Pullover, wie die Bluse, die sich von der abgeschnürten Taille trennt. Wie die Hose, die klarstellt, dass Frauen aufrecht gehende Individuen und keine verwunschenen Nixen sind. All das musste die Einbildungskraft der Zeitgenossen natürlich heftig erregen.

Schiebt sich eine Hand nicht viel zu leicht unter einen Pullover? Ist eine Hose nicht viel zu indiskret gegenüber dem weiblichen Geschlecht? Und wer sagt einem, was eine Frau unter ihrem Mantel trägt? Die neuen Kleider schockieren durch ihre Direktheit; der Körper der Frau wird in ihnen zum Risiko. Zumindest ist er nicht mehr eingepackt wie ein Bonbon. Noch kurz zuvor und beispielhaft in der höfischen Mode des 17. und 18. Jahrhunderts wurden Kleider auf den Leib geschneidert, Stofflagen um Stofflagen ineinander verhakt, verschnürt und verwoben. Die neue Garderobe wird angezogen, übergestreift. Man schlüpft in einen Mantel hinein und kann sehr weit weglaufen von zu Haus.

Er ist derjenige, der uns am weitesten in die Einsamkeit und Kälte begleitet. Ohne ihn ist man verloren. Daran ändert selbst die neueste High-Tech-Bergsteiger-Ausrüstung nichts. Der Mantel ist Teil unserer Existenz und Geschichte. Ja, er ist in seinem allegorischen und von Helmut Kohl gern zitierten Zuschnitt sogar der Mantel der Geschichte selbst. Ein Zeichen, dass übermächtige Schicksalskräfte wirken.

„Eine Säule der Macht“ nennt ihn die Bühnen- und Kostümbildnerin Olga von Wahl. Dazu zeichnet sie mit ausdrucksvollen Händen eine strenge, vertikale Geste. Zack. Ein Mantel kann sein wie eine Wand. Ein solcher Mantel flattert nicht, der bedeutet. Vielleicht, weil der Mantel so unterschiedliche Rollen spielt, kann man am besten mit Leuten vom Theater über ihn sprechen.

Was lässt man an sich heran? Was lässt man durch ihn hindurch nach außen? Ist es ein offener oder ein geschlossener Mantel? Durchströmt ihn Mitgefühl, oder neigt er zur Prahlerei?

Auf der Bühne des Theaters, sagt Olga von Wahl, schlage sich der Mantel gern auf die Seite der Autorität. Man könnte ergänzen, er tut das auch auf der Bühne der Politik, wo er rasch in Verdacht gerät, insgeheim doch ein Herrschermantel zu sein und sich über das Schicksal der „kleinen Leute“ erheben zu wollen. Etwas über knielang, gerade geschnitten, ein klassischer Paletot von zurückhaltender Farbigkeit – so sollte der Mantel der Demokratie deshalb sein. Solide. Nicht überkandidelt. Das Amt zählt, nicht die Person. Zu viel Raffinesse würde dem Ruf des modernen Politikers schaden. Dagegen verbürgen sich Fotos einer Kanzlerin im Anorak. Ist die Jacke nicht herrlich normal! Und so praktisch. Einer Jacke kann niemand vorwerfen, sie nehme sich zu wichtig. Einem Mantel schon.

Der Volksmund hat ihm nachgesagt, alles Mögliche zu verbergen. Die Trunksucht, die Wollust, den Teufel selbst. Diese Drastik ist ihm heute fremd. „Zum Dekor ist der Mantel geworden“, sagt Olga von Wahl. Sie vermutet dem Mantel gegenüber eine narzisstische Ungeduld. Könnte es sein, dass der Mantel unseren Voyeurismus stört? Behandeln wir ihn deshalb wie eine modische Attrappe? „Ein lange getragener Mantel nimmt unsere Körperform an“, sagt Olga von Wahl, die zu Hause, wo es Handküsse gab zur Begrüßung, ihren alten Tanten aus dem Mantel heraushalf und zum Abschied wieder hinein. Ein Mantel werde zu einer „Körperhöhle“, sagt sie. „Man kann hineinschauen wie in ein abgelegtes Ich.“ Und was sieht man da? Wie läuft man im Mantel des eigenen Lebens herum? „Häng Deinen Mantel nicht nach dem Wind!“, lautet ein Credo. Die junge Modeschöpferin Isabel Vollrath glaubt, jede Frau habe einen eigenen Mantel. Eine Form, eine Silhouette, die zu ihr passt. Der Mantel, das ist eine Beziehung. Am Ende soll man sich an die wichtigsten erinnern.

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