Politik : Vom Netz genommen

Mit Netscape wurde das Internet groß. Fast hätte das Programm Microsoft in die Knie gezwungen. Aber jetzt hat Gates gesiegt

Kurt Sagatz

Wenn ein Amerikaner zu Recht „Erfinder des Internets“ genannt werden kann, so ist das Marc Andreessen, nicht Bill Gates. Auch Al Gore scheidet für diese Rolle aus. Lange bevor der Microsoft-Chef Gates die Möglichkeiten des World Wide Webs erkannte, und lange bevor ein Politiker versuchte, den Siegeszug des Netzes für sich zu nutzen, hatte Marc Andreessen den Grundstein für das heute bekannte Internet gelegt. Denn mit seinem Mosaic-Programm, das kurze Zeit später zum Netscape Navigator mit dem berühmten Steuerrad-Symbol wurde, war das weltweite Netz erstmals grafisch und bunt und konnte fortan multimedial genutzt werden. Bis dahin hatte es nur Texte geliefert. In dieser Woche jedoch wurde Netscape zu Grabe getragen. Der weltweit tätige Internet-Provider AOL, der Netscape 1998 übernommen hatte, gab am Mittwoch bekannt, die Netscape-Entwicklermannschaft zu entlassen. Eine Weiterentwicklung wird es somit nicht mehr geben. AOL selbst will nun ebenfalls ganz auf die Technologie des Konkurrenten Microsoft mit seinem Internet Explorer setzen.

Lange Jahre war Netscape die unangefochtene Nummer eins, wenn es darum ging, auf welche Weise die weltweiten Internet-Nutzer ins Web gelangten. Microsoft-Chef Bill Gates hatte dem Internet anfangs nur geringe Chancen gegeben. Erst als 1995 absehbar wurde, welches Potenzial im Internet lag, krempelte Gates die Strategie des Unternehmens grundlegend um: Seither kommt keine Microsoft-Software mehr ohne Internet aus. Das ging so weit, dass Microsoft den Computerherstellern und -nutzern vorschreiben wollte, nur noch die eigenen Internet-Programme einzusetzen. Über Jahre beschäftige der Browserkrieg zwischen Microsoft und Netscape die Öffentlichkeit und dann auch die Gerichte. Am Ende des Kartellverfahrens gegen Microsoft musste der Konzern sogar seine Zerschlagung befürchten. Als sich Microsoft und die US-Kartellwächter am Ende einigten – nach einer Entschädigungszahlung von 750 Millionen Dollar an AOL – spielte der eigentliche Anlass für das Verfahren kaum noch eine Rolle. Weit über 80 Prozent der Internet-Nutzer setzen inzwischen die Microsoft-Software ein, von Netscape war kaum noch die Rede.

Ganz verloren ist die Netscape-Welt, die sich wie Linux immer als Alternative zu den Quasi-Monopolisten von Microsoft verstand, allerdings nicht. Im so genannten Mozilla-Projekt soll das Internet-Programm weiter gepflegt werden – mit finanzieller Hilfe von AOL. Der Name Netscape jedoch wird bald nur noch im Technik-Lexikon zu finden sein.

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