Politik : Vom Popstar zum Minister

Brasiliens Präsident Lula stellt ein unkonventionelles Kabinett vor

Emilio Rappold (dpa)

Brasilia. Einer von ihnen ist im Hauptberuf Popstar. Ein anderer Ex-Guerillero. Die Ministerriege der neuen brasilianischen Regierung ist breit gefächert: Neben Unternehmern und Journalisten sind auch eine Slumbewohnerin und eine Kautschukpflanzerin aus dem Urwald darunter. Gerade diese schillernden Persönlichkeiten wecken im größten Land Lateinamerikas trotz ihrer Unerfahrenheit im politischen Geschäft so viel Optimismus wie selten zuvor. Umfragen zufolge glauben 76 Prozent der Brasilianer, dass in ihrem Land in den nächsten vier Jahren gute Arbeit geleistet werde. So viel Begeisterung gab es zuletzt 1989 für den Hoffnungsträger Fernando Collor, der allerdings zwei Jahre vor Ende seines Mandats wegen Korruption des Amtes enthoben wurde.

Von den Ministern, die am Donnerstag von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vereidigt wurden, ist José Dirceu wohl der wichtigste. Der Ex-Guerillero gilt als „Macher“ der sozialistischen „Partei der Arbeiter“ (PT) von Präsident Lula und wird Chef der „Casa Civil“, eine Art Ministerpräsident. Während der Diktatur musste Dirceu im Untergrund leben, nun verspricht der 56-Jährige eine „soziale Revolution“. Viel Jubel bei der Vereidigungszeremonie bekam neben Dirceu auch die frühere Urwaldbewohnerin und Kautschukzapferin Marina Silva. Die heutige Anwältin war bis zum 17. Lebensjahr Analphabetin, überlebte mehrere gefährliche Erkrankungen. Als Umweltministerin will die 46-Jährige nun vor allem „fördern und nicht durch Verbote agieren“.

Mit insgesamt vier Frauen sind in Lulas Kabinett so viele Amtsträgerinnen wie noch nie. Neben der Umweltministerin ragt dabei noch Benedita da Silva heraus: Sie wird erste schwarze Ministerin Brasiliens. Große Polemik löste die Ernennung des Grammy-Gewinners Gilberto Gil aus. Der 62-jährige Popstar war die musikalische Stimme des Protestes gegen die Militärdiktatur und musste einst ins Londoner Exil. Nun wird er Kultusminister.

Angesichts dieser Regierung spricht nicht nur der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto von einer „Revolution“. Der Politologe Yan de Souza Carreirao sagte, dass nun endlich das „wahre Brasilien“ an die Macht gekommen sei. Dass Lulas neue Mitstreiter ihr „Bürgerschreck“-Image abgelegt haben, beweisen unterdessen die millionenschweren Unternehmer, die ebenfalls berufen wurden: Textilmagnat José Alencar als Vizepräsident und Luiz Furlan, Präsident des Lebensmittel-Riesen Sadia, als Entwicklungsminister.

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