Politik : Vom Sprechen und Verstehen

Polen, Tschechen, Franzosen und Deutsche im Gespräch über Nachbarschaft

Gerd Appenzeller

Mit den Beziehungen zwischen Menschen ist es ähnlich wie mit denen zwischen Nationen. Es ist leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen als den anderen auch zu verstehen. Letzteres zu erleichtern, strebt die Robert-Bosch-Stiftung seit vielen Jahren an. Deshalb gründete sie jetzt zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ein Zentrum für Mittel- und Osteuropa. Wie schwierig alte, neue Nachbarschaft sich entwickelt, zeigte bei der ersten Veranstaltung ein Gespräch zwischen dem Tschechen Tomas Kafka, dem Polen Marek Cichocki, dem Franzosen Etienne François und den Deutschen Gesine Schwan und Richard von Weizsäcker.

Schon die Antworten auf Schwans erste Frage (Was gibt es Positives in Europa?) beleuchteten schlaglichtartig die verschiedenen Erwartungen. Während Kafka, Abteilungsleiter Mitteleuropa im tschechischen Außenministerium mit Schwejk’scher Lässigkeit feststellte, im Gegensatz zu den Jahren der großen Umbrüche brauche man heute keine Helden mehr, sondern bestenfalls eine Zivilgesellschaft im Kampf gegen die destruktive Langeweile, schweifte Cichockis Blick auf das Heute schnell ins gestern. Für den europapolitischen Berater von Präsident Lech Kaczynski ist die Freude über die offene Diskussion „nach dem schlimmen 20. Jahrhundert“ von der traurigen Erinnerung an 300 Jahre der Teilungen und der Fremdbestimmung verdüstert. Richard von Weizsäcker hingegen, der seine Entscheidung für die Politik auch mit dem drängenden Wunsch zu Kontakten mit Osteuropa begründete, sieht sein Denken immer noch von Dankbarkeit über das friedliche Europa von heute bestimmt. Seine Bemerkung freilich, die innere Entwicklung in Polen und Tschechien sei für uns nicht immer leicht zu verstehen, aber dies sei ein deutsches Problem, erwies sich im Hinblick auf den Verlauf des Diskurses als durchaus prophetisch.

Cichocki nämlich beklagte, man diskutiere um die Probleme herum, vieles, was über Polen geschrieben werde, täte weh, sei nicht nachzuvollziehen, auch zu kritisch. Auf Schwans Bitte, den Vorwurf zu präzisieren, blieb der Berater von Präsident Kaczynski das Beispiel schuldig, aber wurde auch so verstanden. Etienne François, der französische Historiker an der Humboldtuniversität, räumte ein, dass Frankreich noch nicht begriffen habe, dass Europa heute viel mehr als ein größeres Frankreich sei. Und er zeigte Verständnis dafür, dass Marek Cichocki das deutsch-französische Miteinander zu eng, oft zu ausschließlich sei.

Da war sie wieder, die polnische Ur-Angst vor der Fremdbestimmtheit – für die keiner beredter und eindringlicher Verständnis artikulierte als Richard von Weizsäcker. Als Beleg für mangelndes Wissen über den Nachbarn im Osten erwähnt er den ehemaligen französischen Präsidenten Valerie Giscard d’Estaing, der unlängst auf einer Tagung im nahen Genshagen von Polen als dem Land gesprochen habe, das „einige hundert Kilometer von Berlin entfernt liegt“. Aber Weizsäcker mahnte auch eindringlich: Europa käme nur voran, wenn alle an der EU arbeiteten. Wer die Union verändern wolle, müsse sich zunächst einmal einbringen. Und er warnte vor störenden Einflüssen von außen – zum einen von den USA, die sich in erheblichen Schwierigkeiten befänden und zum anderen von Russland, von dem man nicht wisse, wie es dort weitergehe. Den von beiden Ländern auf Europa hin wirkenden Spaltungstendenzen dürfe kein EU-Staat nachgeben. Es gehe nicht um die alten Europäer hier und die jungen Europäer dort, sondern um Einigkeit und gemeinsame Sinnsuche.

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