Politik : Vom Terroristen zum Kiwihändler

Jahrelang lebte der palästinensische Terrorist Abu Abbas unter Saddams Schutz. Seine letzte Flucht misslang

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DER IRAK–KRIEG UND DIE FOLGEN

Abu Abbas, 55, glaubte sich im Ruhestand. Er war nicht mehr der terroristische Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF), er widmete sich vielmehr auf einer großen Farm südlich von Badgad intensiv dem Anbau von Kiwis. Das klingt idyllisch. Doch dieser Mann, der vor Gewalt zur Durchsetzung palästinensischer Ziele nicht zurückschreckte, wurde nach seinen Terroraktionen, hauptsächlich in den achtziger Jahren, gesucht. Bekannt wurde er als der Drahtzieher der Entführung der „Achille Lauro“ (siehe unten).

Als das amerikanische Spezialkommando bei einer Hausdurchsuchung im Süden Bagdads in der Nacht zum Dienstag auf Abbas stieß, nahm es natürlich nicht den Kiwihändler, sondern den radikalen Palästinenserführer und ExTerroristen fest. Der ehemalige CIA-Chef für Terrorbekämpfung, Vince Cannistraro, nannte die Festnahme Abbas’ einen „großen Fang“. „Er ist uns damals entkommen, und wir haben ihn seitdem gejagt“, sagte er. „Es gilt, eine alte Rechnung zu begleichen.“ Seit mehreren Jahren lebte er unter dem Schutz des nun gestürzten Machthabers Saddam Hussein, heißt es. Der US-Fernsehsender CNN berichtete, Abu Abbas habe möglicherweise versucht, nach Syrien zu fliehen, sei dort aber abgewiesen worden. Andere Quellen sprechen von Fluchtversuchen nach Iran. Es heißt, seine Organisation PLF soll als Bindeglied zwischen der irakischen Regierung und den Familien palästinensischer Selbstmordattentäter gedient haben.

Wer ist der Gesuchte? Abu Abbas wurde 1948 in Palästina geboren, seine Eltern flüchteten mit ihm nach Syrien. In Damaskus soll er arabische und englische Literatur studiert haben. 1976 gründete er die PLF, die ihrerseits Mitglied der PLO von Jassir Arafat wurde. Abbas erhielt einen Sitz im PLO-Exekutivkomittee. Heute soll die PLF unter den Palästinensern allerdings keinen großen Rückhalt mehr haben.

Italien, unter dessen Flagge die entführte „Achille Lauro“ 1985 fuhr, will nun Abbas’ Auslieferung beantragen. Das sagte der italienische Justizminister Roberto Castelli in Rom. Abbas wurde im Juni 1996 von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die palästinensische Regierung dagegen fordert, Abbas sofort freizulassen. In Interviews mit arabischen und internationalen Medien sagte das Kabinettsmitglied Sajeb Erekat, die USA hätten „kein Recht, ihn gefangen zu halten.“ Erekat ist langjähriger Chefunterhändler des Palästinenserführers Jassir Arafat. Zur Begründung der Freilassung verwies er auf das israelisch-palästinensische Zwischenabkommen, das am 28. September 1995 unterzeichnet wurde, unter anderem von Bill Clinton. Dort sei festgelegt worden, „dass Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) nicht festgenommen oder wegen Angelegenheiten abgeurteilt werden dürfen, die vor dem Oslo-Friedensabkommen vom 13. September 1993 begangen wurden.“ Alle PLO-Führungsmitglieder seien somit rückwirkend amnestiert. Die Verträge seien auch für Washington und Rom verbindlich, denn die USA und die EU gehören zu den Mitunterzeichnern der Oslo-Verträge. Das Büro von Palästinenserpräsident Jassir Arafat wollte zunächst keine Stellungnahme abgeben.

Da Abbas sich von Gewalt losgesagt und für seine Taten entschuldigt hat, kann er in Israel nach einem höchstrichterlichen Urteil aus dem Jahr 1998 nicht mehr wegen seiner Rolle bei der Schiffsentführung belangt werden. Der Ex-Terrorist und Kiwihändler hatte sich in den letzten Jahren in der Krisenregion frei bewegen können. Mindestens zwei Mal war er in die palästinensischen Autonomiegebiete eingereist, ohne von den israelischen Behörden behelligt zu werden.

Abbas war einer der meistgesuchten Terroristen, aber ist er auch einer der wichtigsten? Eine BND-Sprecherin relativiert den Erfolg der Amerikaner: Mit Abbas sei „kein großer Fang“ gelungen. Zwar sei der Gesuchte in den 80ern terroristisch aktiv gewesen, seither sei es aber ruhig um ihn geworden. Heute spiele er eine eher unbedeutende Rolle. Zudem habe sich Abbas gegen die Terrorgruppe Al Qaida ausgesprochen und die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA verurteilt.Tsp

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