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Politik : Vom Wankelmut der FDP wird früher oder später auch die Union wieder profitieren (Kommentar)

Robert Birnbaum

Mitleid ist noch das Beste, was den Christdemokraten in Anbetracht des Wahlausgangs in Nordrhein-Westfalen entgegenschlägt. "Arme CDU" lautet in Kurzform die gängige Lagebeschreibung: Auf ihre Stammwählerschaft reduziert, in der Opposition gefangen, von der ungetreuen FDP schnöde verlassen. Die gängige Lagebeschreibung ist nicht völlig falsch, aber doch arg unvollständig.

Die CDU hat mehr Grund zu Hoffnung, freilich auch mehr Grund zur Verzweiflung, als es den Anschein hat. Was lehrt die Wahl an Rhein und Ruhr? Erstens: Die CDU hat den Spendenskandal nicht hinter sich. Der Neuanfang ist formal mit der Wahl der neuen Führung um Angela Merkel vollzogen. Doch die Enthüllungen über Kohls und Kanthers schwarze Kassenwirtschaft haben in Jahrzehnten gewachsene Reputation zerstört. Das ist nicht im Schnellverfahren zu reparieren. CDU zu wählen ist jetzt und in Zukunft keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Akt, der einer Begründung bedarf. In NRW haben allzu viele Wähler diese Begründung nicht gesehen.

Zweitens: Die CDU muss sich Gedanken über ihre Bündnispolitik machen. Auf den ersten Blick erscheint die Sache klar. Die SPD hat seit Sonntag zwei Bündnis-Optionen, eine grüne und eine blau-gelbe; die CDU hat keine. Aber was ist wirklich passiert? Möllemann verdankt seinen fulminanten Erfolg nicht einer neuen sozialliberalen Stimmungswoge, sondern den Wählern, die Veränderung wollten und keinen anderen Weg sahen, als die FDP zu stärken. Wähler, wohlgemerkt, die sowohl aus dem CDU- als auch aus dem SPD-Lager kamen. Die FDP als Funktionspartei pur - das ist Möllemanns Erfolgsrezept.

Für die CDU liegt darin kein Grund zur Verzweiflung. Im Gegenteil, der Aufschwung der Liberalen gibt Grund zur Hoffnung. Es nutzt den Christdemokraten nämlich nichts, wenn eine Wolfgang-Gerhardt-FDP in Treue fest zu ihnen steht und schwach bleibt, womöglich untergeht. Es nutzt der CDU hingegen viel, wenn die FDP stark wird. Und wenn sie so wendig ist wie die Möllemann-FDP. Wäre in NRW überraschend ein schwarz-gelbes Bündnis möglich geworden - der freidemokratische Funktionator hätte es auf der Stelle geschlossen.

Die FDP bleibt also für die CDU allemal eine Bündnis-Option, immer vorausgesetzt natürlich, die CDU wird selbst so stark, dass sie diese Option einlösen kann. Aber ist die FDP denn wirklich der einzige Partner? Erstaunlich genug, dass in den Nachwahlüberlegungen der CDU-Spitze das schwarz-grüne Farbenspiel bisher überhaupt nicht vorgekommen ist. Dabei wird die CDU zum ersten Mal von Leuten geführt, die nicht, wie Kohl, wie auch Schäuble, eine schier unüberwindliche ideologische Barriere von der Öko-Partei trennt. Obendrein schleift die SPD den Grünen in Berlin gerade die Reste des Bürgerschreck-Klischees ab. Umgekehrt können die Grünen kein Interesse daran haben, in babylonischer Gefangenschaft der Sozialdemokraten von Wahlverlust zu Wahlverlust zu taumeln.

Die CDU kann wie weiland Kohl darauf setzen, dass sich das Problem Grüne von selbst erledigt. Das kann dauern. CDU und Grüne können aber auch versuchen, die Parteienlandschaft durch einen möglichen schwarz-grünen Flirt ein bisschen aufzulockern. So arm dran, wie sie selbst manchmal zu denken scheint, ist die CDU gar nicht.

Die nächste Koalitionsaussage der FDP wird übrigens zu Gunsten der CDU sein. In Baden-Württemberg, in nur zehn Monaten.

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